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BASTEI LÜBBE TASCHENBUCH Band 15 383

 

1. Auflage: Oktober 2005

Vollständige Taschenbuchausgabe Bastei Lübbe Taschenbücher in der Verlagsgruppe Lübbe Deutsche Erstausgabe Titel der englischen Originalausgabe: Shades of Murder © 2000 by Ann Granger © für die deutschsprachige Ausgabe 2005 by Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG, Bergisch Gladbach Lektorat: Gerhard Arth/Stefan Bauer Umschlaggestaltung: Bianca Sebastian Titelillustration: David Hopkins Satz: hanseatenSatz-bremen, Bremen Druck und Verarbeitung: GGP Media GmbH, Pößneck Printed in Germany ISBN: 3-404-15 383-9

Sie finden uns im Internet unter www.luebbe.de Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Es gibt viele Leute, denen ich für ihren Rat, ihre Hilfe und ihre Aufmunterungen während der Niederschrift dieses Buches zu danken habe.

Also geht hiermit ein großes Dankeschön an Professor Bernard Knight, CBE, einen namhaften Pathologen und Krimiautorkollegen, für seinen Rat bezüglich des Vorgehens bei Exhumierungen. An das Museum of the Royal Pharmaceutical Society für Informationen über Laudanum. An meine Krimiautorkollegin Dr. Stella Shepherd und ihren Mann John Martin für die medizinische Expertise, die sie mir großzügig bei dieser und anderen Gelegenheiten zugänglich gemacht haben. An das Oxford Coroner’s Office. An den Stab des Centre for Oxfordshire Studies der Westgate Library in Oxford. An David Dancer von der Oxford County Hall, der mir den

»Old Court« von Oxford gezeigt hat mitsamt seinem atmosphärischen unterirdischen Tunnel. Und an meine Agentin Carol Blake, meine Herausgeberin Marion Donaldson, meine leidgeprüfte Familie, meine Freunde und vor allem meinen Ehemann John Hulme.

Der erste Schatten, Bamford 1889–90

William Oakley, of Fourways House Cora, seine Frau Mrs. Martha Button, Haushälterin Watchett, Gärtner Daisy Joss, Kindermädchen Inspector Jonathan Wood, Bamford Police Emily, seine Tochter Sergeant Patterson, Bamford Police Stanley Huxtable, Reporter der Bamford Gazette Mr. Taylor, Staatsanwalt bei der Verhandlung gegen William

Oakley

 

Mr. Green, Verteidiger bei obiger Verhandlung

 

Der zweite Schatten, Bamford 1999

Damaris Oakley, Florence Oakley – Enkeltöchter von William Oakley Jan Oakley, Urenkel von William Oakley Ron Gladstone, Gärtner Superintendent Alan Markby, Regional Serious Crimes Squad Inspector David Pearce, wie oben Meredith Mitchell, Angestellte beim Foreign Office Dr. Geoffrey Painter, Experte für Giftstoffe Pamela, seine Frau Juliet, seine Schwester Reverend James Holland, Vikar von Bamford Superintendent Doug Minchin, Metropolitan Police Inspector Mickey Hayes, wie oben Dolores Forbes, Wirtin des The Feathers Kenny Joss, Taxifahrer Dr. Fuller, Pathologe Harrington Winsley, Chief Constable Dudley Newman, Bauunternehmer

TEIL EINS

Der erste Schatten

 

Ja, schnöder Mord, wie er aufs Beste ist, doch dieser unerhört und unnatürlich.

 

Shakespeare, Hamlet 1. Akt 5. Aufzug 1889

KAPITEL 1

CORA OAKLEY saß mit dem Oberkörper gegen die spitzenbesetzten Kissen gelehnt. Schweiß rann in dünnen Bächen von ihrem Haaransatz über die Stirn, entlang der Nase über ihre Oberlippe und bildete eine salzige Pfütze in der Kinnfalte unter ihrem Mund. Sie war sich dessen kaum bewusst. Tentakel aus Schmerz erstreckten sich aus ihrem pochenden Kiefer durch den Hals bis hinunter zur Schulter. Die rechte Seite ihres Gesichts fühlte sich an, als stünde sie in Flammen. Es war drei Tage her, dass der Zahn gezogen worden war, und der Zahnarzt hatte versprochen, dass sich die Wunde bald beruhigen würde.

Warum müssen Männer nur immer bei allem lügen?, dachte Cora. Sie berührte das geschwollene Fleisch und zuckte zusammen.

Das Turmzimmer war ihres gewesen, seit sie nach Fourways House gekommen war. Der größte Teil des Raums befand sich in einem samtenen Halbdunkel, doch sie lag am Rand eines Lichtkreises, der von einer Lampe auf dem Nachttisch erzeugt wurde. Der Porzellanfuß der Lampe war mit Veilchen bemalt. In dem weiten Glaszylinder tanzte und flackerte die Flamme, genährt vom Petroleumvorrat im Fuß, und sprang wütend auf und ab wie ein gefangener Kobold, der unbedingt seine Freiheit zurückwollte, um Unsinn anzustellen.

Ich werde das Zimmer wechseln, dachte Cora. Ich mag dieses Zimmer nicht. Ich habe es von Anfang an nicht gemocht.

William hatte entschieden, dass sie ins Turmzimmer ziehen sollte. Williams eigenes Zimmer lag auf der anderen Seite des Hauses – wohl kaum ein normales Arrangement für ein verheiratetes Paar, doch William hatte es so gewollt, und Cora wusste warum.

Als hätte der bloße Gedanke an ihren Ehemann denselben herbeigerufen, öffnete sich in diesem Augenblick die Tür, und William kam herein, ein kleines Tablett auf dem Arm.

»So, da wären wir«, sagte er und stellte das Tablett neben der Lampe auf den Tisch.

»Ich habe Perkins’ Rezept eingelöst, und Baxter hat mir das da gegeben.«

Cora drehte den Kopf, sodass sie die vertraute kleine Flasche mit dem handgeschriebenen Etikett sehen konnte. Laudanum, stand dort, und darunter, in Klammern, Opiumtinktur.

»Baxter hat erzählt, dass es neue Arzneien gegen Schmerzen wie dein Zahnweh gibt. Ich hab ihm gesagt, du würdest es vorziehen, bei dem zu bleiben, was du kennst.« Er zögerte, als erwartete er eine Antwort von ihr. Als sie schwieg, fuhr er rasch fort:

»Nun, hier hast du einen Krug Wasser, ein Glas und einen Teelöffel. Möchtest du deine Medizin jetzt nehmen?« Er streckte die Hand nach der Flasche aus.

Cora rollte den Kopf von einer Seite des Kissens zur anderen. Nein. Sie wollte nur, dass er endlich wieder ging. Sie wusste selbst, wie groß ihre Dosis zu sein hatte. Das Laudanum war schon seit langer Zeit ihr Freund und Begleiter, ein Freund, an den sie sich in den Tiefen ihrer sie immer wieder heimsuchenden Depressionen wenden konnte. Sie würde ungestörten Schlaf finden, ungestört von dem rasenden Schmerz des entzündeten Zahnfleischs rings um das Loch, wo der Zahn gewesen war. Dennoch erfüllte der bloße Gedanke an Schlaf sie mit einem prickelnden Gefühl der Anspannung. In letzter Zeit wurde sie ständig von Albträumen heimgesucht. Verzweifelt fragte sie sich, ob sie denn niemals Frieden finden würde, weder im Schlaf noch im Wachsein.

»Also schön, wie du meinst«, sagte William. Er beugte sich vor und gab ihr einen leidenschaftslosen Kuss auf die feuchte Stirn.

»Gute Nacht.«

Während er zur Tür ging, fand sie ihre Stimme wieder.

»William?«, rief sie ihm hinterher. Er blieb stehen, dann wandte er sich langsam um, die Hand auf dem Türknopf, die dunklen Augenbrauen erhoben. Selbst in ihrem gegenwärtigen schlimmen Zustand bemerkte sie, wie attraktiv er war, und bitter erkannte sie, wie leicht sich ein dummes siebzehnjähriges Mädchen, wie sie es bei ihrer ersten Begegnung gewesen war, blindlings in ihn verlieben konnte. So vollkommen in diesen Mann verlieben, der durch und durch schlecht und verdorben war.

»Ich werde Daisy morgen Früh entlassen«, sagte sie so deutlich, wie es ihr mit dem geschwollenen Kiefer und den Schmerzen möglich war.

»Kümmert sie sich denn nicht ordentlich um den Jungen?« Williams Stimme klang kalt.

»Ich mag ihr Benehmen nicht.«

»Benehmen? Wie meinst du das?« Obwohl er im Schatten stand, konnte sie die Verachtung in seinem Gesicht sehen und in seiner Stimme hören. Er scheint zu glauben, dass ich dumm bin, dachte sie. Doch ihre Schmerzen waren zu groß, um sich auf einen Streit mit ihm einzulassen.

»Du hast mich in den Augen von jedermann, den wir kennen, zu einem Gegenstand des Spotts und der Lächerlichkeit gemacht.«

»Du redest Unsinn«, sagte er kurz angebunden und öffnete die Tür.

»Es ist zu viel«, sagte Cora mühsam und mit schwerer Zunge.

»Nicht noch einmal, William. Ich ertrage das nicht noch einmal.« Er antwortete nicht.

»Das muss ein Ende haben, William!«, rief sie ihm hinterher, während er durch die Tür ging. Sie hatte es gewagt, das Wort zu benutzen, das er nicht ertragen konnte. Er wirbelte herum.

»Muss?«

»Ich werde um die Scheidung nachsuchen«, sagte sie, getrieben von Schmerz und Verzweiflung. Sie sah seine Mundwinkel zucken, als wollte er lächeln.

»Vielleicht redest du morgen wieder vernünftiger«, sagte er. Und war fort.

»Dann also eine gute Nacht, Mr. Watchett«, sagte Martha Button.

Sie schloss die Tür hinter dem Gärtner und sperrte ab. Zur Sicherheit schob sie die Riegel oben und unten vor, und als sie damit fertig war, überprüfte sie noch das Fenster. Zufrieden, dass niemand außer dem entschlossensten Einbrecher in die Küche gelangen konnte, warf sie einen letzten Blick in die Runde.

Der Küchenherd hatte eine gründliche Schwärzung mit Grafit nötig, doch das konnte Lucy am nächsten Morgen erledigen. Das Mädchen musste beschäftigt werden. Dann fielen Mrs. Buttons Adleraugen auf die beiden Gläser und die Sherryflasche auf dem Tisch. Sie stellte die Flasche in den Schrank zurück und spülte die Gläser, trocknete sie ab und stellte sie ebenfalls in den Schrank. Nach einem Moment des Zögerns nahm sie den kleinen Teller vom Tisch und spülte auch ihn. All diese Arbeiten hätte sie auch für Lucy stehen lassen können, doch es gab ein paar Dinge, die man im Gegensatz zum Schwärzen eines Küchenherds besser nicht der Aufmerksamkeit einer Küchenmagd überließ. Nicht, dass Mrs. Button und Mr. Watchett nicht ein Recht auf ein abendliches Schwätzchen bei einem Glas Sherry gehabt hätten, doch es war sehr wichtig, den Respekt der Dienstboten zu bewahren und ihnen keinen Grund zu geben, hinter dem Rücken über die Herrschaften zu lachen.

Es wurde bereits spät. Watchett war länger geblieben als üblich. Mrs. Button ging nach draußen in die Halle. Dort glomm leise zischend eine einzelne Glühstrumpflampe. Die übrigen Räume im Erdgeschoss lagen dunkel. Die Atmosphäre war schwer mit unsichtbaren Geistern, wie es in einem großen Haus des Nachts eben so ist. Die große Standuhr zeigte fast elf. Mrs. Button ging zur Vordertür, um auch dort die Riegel zu prüfen. Selbstverständlich hatte Mr. Oakley die Tür abgesperrt, bevor er nach oben gegangen war, doch an diesem Abend hatte Mrs. Buttons Arbeitgeber irgendwie geistesabwesend gewirkt. Er hatte sich früh zurückgezogen, noch vor zehn. Sie hatte gehört, wie er nach oben gegangen war. Nun ja, hatte sie zu Watchett gesagt, kein Wunder, dass er so abwesend ist.

»Ich habe es kommen sehen, Mr. Watchett. Seit dieses junge Ding, diese Daisy Joss, den Fuß in dieses Haus gesetzt hat. Sie ist viel zu hübsch, als ihr selbst gut täte.«

»Ah«, sagte Watchett.

»Kam noch nie was Gutes dabei raus, einen Joss einzustellen.«

»Und die arme Mrs. Oakley in ihrem jetzigen Zustand, mit dem Zahn. Dem gezogenen Zahn, meine ich. Ich weiß wirklich nicht, warum sie nicht nach London gefahren und zu einem Zahnarzt gegangen ist, der sich mit der Behandlung von vornehmen Leuten auskennt. Sie ist in einem grauenhaften Zustand, seit der Doktor aus Bamford ihr den Zahn gezogen hat.«

»Eine Türklinke und ein Stück Zwirn«, sagte Mr. Watchett.

»Mehr braucht es nicht, und es ist immer noch die beste Methode, um einen Zahn zu ziehen.«

»Es wäre jedenfalls bestimmt nicht schlimmer gewesen«, rümpfte Mrs. Button die Nase. Die Vordertür war verriegelt. Sie nickte vor sich hin und wandte sich zur Lampe, um den Gashahn zuzudrehen. Dabei erhaschte sie einen Blick auf ihr Spiegelbild und hielt inne, um ihr merkwürdig mahagonifarbenes Haar glatt zu streichen. Anschließend kehrte sie in die Küche zurück und ging hindurch in den sich anschließenden Garderobenraum, von wo aus die schmale Hintertreppe hinauf in die oberen Räume führte. So allein, wie sie im Erdgeschoss war, hätte sie durchaus auch die Vordertreppe nehmen können, doch alte Gewohnheiten hielten sich hartnäckig. Hintertreppen waren für Dienstboten, Vordertreppen für die Herrschaften, und obwohl Mrs. Button in der Hierarchie der Dienstboten von Fourways House ganz oben stand, nahm sie diese Route, um zu Bett zu gehen, durch das dunkle Haus, mit einem Kerzenleuchter in der Hand. Ringsum knarrte und knackte es aufgrund der fallenden Temperaturen im Gebälk. Im ersten Stock kam die Treppe am Ende des Korridors heraus, direkt neben der Tür zum Turmzimmer, wo Mrs. Oakley schlief. Als Mrs. Button sich zur nächsten Treppe wandte, die weiter nach oben in das Dachgeschoss und zu ihrem Schlafquartier sowie dem kleinen Wohnzimmer führte, vernahm sie plötzlich ein dumpfes Poltern. Ihm folgte ein sofortiger Schrei. Ein Schrei, der so merkwürdig, so unirdisch klang, dass Mrs. Button nicht glauben konnte, dass er aus einer menschlichen Kehle kam. Wenn er überhaupt irdischer Herkunft war, dann war es der gequälte Aufschrei eines Tieres im Todeskampf. Mrs. Buttons Herz begann schmerzhaft zu pochen, und sie bekreuzigte sich mit der freien rechten Hand. Sie war als Katholikin aufgewachsen, obwohl sie ihre Religion seit vielen Jahren nicht mehr praktizierte. Doch jetzt, in dem Gefühl, auf eine Weise geprüft zu werden, die göttliche Hilfe erforderte, suchte sie Zuflucht im Glauben ihrer Kindheit. Die Geräusche waren aus dem Turmzimmer von Mrs. Oakley gekommen, daran bestand nicht der geringste Zweifel. Furchtsam näherte sich die Haushälterin der Tür, und nach einem Augenblick des Zögerns klopfte sie an.

»Mrs. Oakley? Ma’am?« Keine Antwort. Und doch, mit an die Tür gepresstem Ohr meinte sie, Bewegungen zu hören, ein Hasten, ein merkwürdig rasselndes Atmen. Dann, ganz deutlich, ein ersticktes Gurgeln und ein weiterer Schrei, der völlig unvermittelt abbrach, als wäre die Luftzufuhr zu den Stimmbändern abgeschnitten worden. Erfüllt von schierer Panik und völlig im Ungewissen, was sie erwartete, packte Mrs. Button den Türknauf und drückte die Tür auf.

»O mein Gott, o mein Gott!« Die Haushälterin schlug die Hand vor den Mund. Ihren ungläubigen Augen bot sich ein infernalischer Anblick, eine mittelalterliche Hölle, in welcher eine Gestalt auf dem Teppich lag und sich umgeben von Flammen und einem tanzenden roten und gelben Licht wälzte. Die Luft war zum Schneiden dick, und der Gestank weckte Übelkeit in Mrs. Button. Sie würgte und hustete. Der Gestank rührte von brennender Wolle, Lampenöl, versengtem Fleisch und noch einem anderen, überwältigenden Geruch her, den Mrs. Button im Augenblick nicht zuordnen konnte, obwohl er ihr bekannt vorkam. Die Nachttischlampe lag in Scherben auf dem geschwärzten, schwelenden Teppich. Zwischen den Scherben lag etwas, das ihr merkwürdig erschien, doch sie hatte nur einen Sekundenbruchteil Zeit, um sich all das zu merken, bevor sie ihre gesamte Aufmerksamkeit auf die Kreatur am Boden richtete. Die Kreatur, dieses brennende Ding, das sich auf dem Boden wälzte und schluchzende, rasselnde Geräusche von sich gab, als wollte sie schreien, ohne es zu können. Die Haushälterin zitterte am ganzen Leib, als sie den Kerzenhalter abstellte und einen Schritt nach vorn machte, bevor sie, von Grauen und Abscheu übermannt, wieder zurückwich. Vor ihren entsetzten Augen erhob sich die Kreatur mit übermenschlicher Anstrengung inmitten der Flammen und streckte Mrs. Button in stummem Flehen eine geschwärzte, sich schälende Klauenhand entgegen. In diesem Augenblick fingen ihre langen Haare Feuer, und im nächsten Moment war ihr Gesicht von einem flammenden Halo eingerahmt. Die Kreatur kreischte, ein hohes, nicht menschliches Geräusch, das erstarb, als hätte man die Lungen ausgequetscht, dann fiel sie zurück.

»Mrs. Oakley!«, ächzte Mrs. Button.

»O mein Gott, Mrs. Oakley!« 1999

KAPITEL 2

»MR. GLADSTONE«, sagte Damaris Oakley mit aller Entschiedenheit, die sie aufbringen konnte.

»Wir haben das doch alles schon besprochen. Weder meine Schwester noch ich besitzen das geringste Interesse an einem Wasserspiel im Garten.«

»Aber warum denn nicht?«, fragte Ron Gladstone.

Sie starrten sich einmal mehr hart in die Augen, ein unvereinbarer Kontrast verschiedener Geschmäcker. Damaris trug einen sehr alten Tweedrock, dessen Futter unter dem Saum hervorlugte. Über dem Rock hatte sie einen womöglich noch älteren handgestrickten Pullover mit einem merkwürdig unregelmäßigen Muster sowie darüber einen Cardigan. Die vorderen Säume des Cardigans, wo die Knöpfe und Schlaufen saßen, waren ausgeleiert und hingen schlaff über die Taille. Auf der Rückseite war er eingelaufen und ließ den halben Rücken frei. Auf dem Kopf trug Miss Oakley einen altehrwürdigen weichen Hut aus Tweed, der einmal ihrem Vater gehört hatte und in dem sogar noch die Überreste eines seiner Fliegenköder vom Fischen steckten.

Ron Gladstone andererseits war ein Bild von respektabler Eleganz, selbst in seiner Gärtnerkleidung. Sein Cardigan war sauber und zugeknöpft, und im Halsausschnitt waren Hemd und Krawatte zu sehen. Das ergrauende rote Haar war militärisch kurz geschnitten. Der kleine abstehende Schnurrbart hatte seinen roten Farbton behalten und verlieh Gladstone das Aussehen eines streitlustigen Gockels. Als Konzession an das Draußensein trug er stabiles Schuhwerk, doch selbst das war offensichtlich blitzsauber geputzt worden, bevor Gladstone das Haus verlassen hatte, und die wenigen frischen Spritzer Schmutz und Gras vermochten den Eindruck nicht zu schmälern.

Zum wiederholten Mal überlegte Damaris, dass hilfreiche Arrangements zwar schön und gut waren, doch sie kamen viel zu häufig mit verborgenen Nachteilen daher. Damaris und ihre Schwester konnten sich unmöglich einen Gärtner leisten oder auch nur die regelmäßigen Besuche einer jener Gartenbaufirmen bezahlen. Andererseits waren die beiden Schwestern auch nicht mehr imstande, allein mit dem üppig wuchernden Grün fertig zu werden, und so hatten sie voller Verzweiflung Hilfe gesucht.

Ron Gladstone war nicht ihr erster Versuch gewesen, dieses Problem zu lösen. Die Fürsorge hatte ihnen einen jungen Mann vorbeigeschickt. Damaris erinnerte sich unter Schaudern an diesen Burschen. Er hatte einen Ohrring getragen und ein Spinnennetz auf dem rasierten Schädel eintätowiert, und er hatte sie und ihre Schwester mit

»Darling« angesprochen – was ihn nicht daran gehindert hatte, ohne Vorwarnung aus ihrem Garten und ihrem Leben zu verschwinden, doch mit dem, was vom Familiensilber übrig geblieben war, einschließlich zueinander passender Rahmen mit den einzigen Fotografien, die von ihrem Bruder Arthur in seiner RAF-Uniform noch existiert hatten. Eines der Fotos war anlässlich seines letzten Fronturlaubs geschossen worden, vor seinem letzten Einsatz, bei dem er über der Grafschaft Kent abgeschossen worden war.

Eine hübsche junge Polizeibeamtin war vorbeigekommen, um die Details aufzunehmen, und Damaris hatte versucht ihr zu erklären, was der Verlust für die Schwestern bedeutete.

»Es wäre uns ja noch egal gewesen, wenn er die Rahmen genommen und die Bilder dagelassen hätte. Schließlich kann Arthurs Foto doch nicht wirklich von irgendeinem Interesse für ihn sein, oder?«

Dann war Damaris verstummt – verlegen, weil sie mit einer Fremden über diese Familienangelegenheit gesprochen hatte.

»Wirklich elendes Pech«, hatte die Beamtin mitfühlend gesagt. Ja, dachte Damaris. Wirklich elendes Pech. Wie es die Oakleys schon immer gehabt hatten. Ihre Eltern hatten sich nie vom Verlust Arthurs erholt. Also war Damaris, wie es früher üblich gewesen war, zu Hause geblieben, um für ihre Eltern zu sorgen, während sie alt und gebrechlich wurden. Als beide schließlich gestorben waren, hatte Damaris ein Alter erreicht, in dem sie für niemanden mehr von irgendwelchem Interesse war. Es hatte einmal einen jungen Mann gegeben, der Florence hatte heiraten wollen, doch ihre Eltern hatten ihn für ungeeignet erklärt, und am Ende hatte sich Florence ihrer vereinten Missbilligung gebeugt. Der zurückgewiesene junge Mann war nach Südafrika gegangen, hatte am Kap eine Weinkellerei gegründet und, wie ihnen zu Ohren gekommen war, sein Glück gemacht. Warum hat Florence nicht um ihn gekämpft?, fragte sich Damaris nicht zum ersten Mal. Warum hat sie nicht für ihr eigenes Glück gekämpft? Sie hatte leicht reden heute. Es war so verdammt schwierig gewesen damals. Und außerdem war es längst zu spät.

»Alle tot und dahin«, murmelte Damaris leise zu sich selbst.

»Was war das, Miss Oakley?«, fragte Ron mit zuckendem Schnurrbart.

»Bitte entschuldigen Sie, Mr. Gladstone, ich war mit den Gedanken woanders.« Der Vikar James Holland war es gewesen, der das gegenwärtige Arrangement vorgeschlagen hatte. Zuerst, nach den bösen Erfahrungen mit dem kahlköpfigen Dieb, war es den beiden Schwestern als ideale Lösung erschienen. Ron Gladstone war im Ruhestand. Er wohnte in einer kleinen Wohnung ohne Garten. Ihm blieb nichts zu tun, außer jeden Morgen zur Bücherei zu spazieren und dort die Zeitungen und Gartenmagazine zu lesen und sich bei der Bibliothekarin über den Lärm zu beschweren, den die Schulkinder bei ihren Besuchen veranstalteten. Die Bibliothekarin hatte sich ihrerseits bei Pater Holland, der auf ein Schwätzchen vorbeigekommen war, über Gladstone beschwert. In diesem Augenblick war dem Vikar die zündende Idee gekommen, und so war Ron hier gelandet, auf Fourways House, fünf Tage die Woche. Samstags erledigte er seine Wocheneinkäufe, und sonntags arbeitete er nicht im Garten, denn in der Bibel stand, dass man dies nicht tun solle, wie er gegenüber Pater Holland erklärt hatte.

»Aber das wissen Sie sicherlich selbst, Pater!« Zuerst war das Arrangement allen Beteiligten als ideale Lösung erschienen. Das hohe Gras wurde gemäht, die verwilderten Hecken geschnitten. Doch nach und nach war Ron Gladstone mit immer grandioseren Ideen gekommen. Tatsache war, dass er anfing, den Garten als seinen eigenen zu betrachten, und das bereitete Probleme. Die Schwestern hatten nichts dagegen gehabt, als er ein paar überwucherte Blumenbeete am Haus wieder bepflanzt hatte. Die hübschen bunten Blüten waren ein schöner Anblick gewesen. Die ersten Zweifel waren ihnen gekommen, als Ron die Eibenhecke entlang der Auffahrt so zurechtgeschnitten hatte, dass sie an die Mauerzinnen einer Burg erinnerten. Seitdem hatte er eine Unmenge anderer Ideen gehabt, die meisten davon für die beiden OakleySchwestern völlig unverständlich.

»Ich vermute, Mr. Gladstone«, sagte Damaris in diesem Augenblick,»dass Sie wieder einmal zu viele von diesen Gartensendungen im Fernsehen gesehen haben.«

»Ich versäume nie eine!«, erklärte Gladstone stolz.

»Liefern mir wirklich eine Menge guter Ideen, diese Sendungen.«

»Das mag wohl so sein, doch das bedeutet weder, dass meine Schwester und ich einen Steingarten wollen noch einen Sumpfgarten, noch einen Patio mit Bar… Barbe…, wie auch immer das heißt. Und wir wollen auch keinen Springbrunnen!«

»Ich hatte überlegt …«, erwiderte Ron zu ihrer Verärgerung, als hätte er ihre letzten Worte überhaupt nicht registriert,»… ich hatte überlegt, einen kleinen Teich zu bauen. Und wenn Sie bereit wären, eine Leitung vom Haus zu ziehen, könnte ich einen kleinen Brunnen machen.« Er sah sie hoffnungsvoll an.

»Wir haben bereits einen Brunnen«, erwiderte Damaris prompt.

»Sie meinen das gesprungene alte Steinbecken in der Mitte der Auffahrt? Es funktioniert nicht mehr, Miss Oakley.«

»Was macht das schon?«, fragte Damaris. Der alte Springbrunnen hatte noch nie funktioniert, so lange sie sich zurückerinnern konnte, nicht einmal damals, als sie noch ein kleines Kind gewesen war. Das dicke geflügelte Baby in der Mitte des Bassins – niemand vermochte zu sagen, ob es ein Cherub war oder ein Amor, der seinen Bogen verloren hatte – war überwachsen mit gelben und grauen Flechten, die es aussehen ließen, als litte es unter einer unangenehmen Hautkrankheit.

»Wie kann ein Brunnen kein Wasser haben? Ich baue Ihnen einen, der wenigstens funktioniert.«

»Wir wollen keinen Brunnen, Mr. Gladstone!« Damaris wusste, dass sie verärgert klang. Ein Teil dieser Verärgerung drang schließlich auch bis zu Ron Gladstone durch.

»Dann eben nur ein kleiner Teich, ohne Fontäne – auch wenn ich denke, dass es eine Schande wäre. Halbe Arbeit eben.« Damaris kam eine rettende Idee.

»Wir können keinen Teich anlegen, Mr. Gladstone. Er würde Frösche anziehen.«

»Was stimmt denn nicht mit Fröschen?«, entgegnete Gladstone und blickte Damaris überrascht an.

»Frösche fressen Insekten. Sie halten den Garten frei von Ungeziefer.«

»Frösche quaken«, sagte Damaris.

»Man tritt auf sie, oder Wagen fahren über sie hinweg, und sie werden zerquetscht. Kein Teich, Mr. Gladstone! Können wir dieses Thema einstweilen auf sich beruhen lassen? Ich wollte noch über etwas anderes mit Ihnen reden. Sie wissen wahrscheinlich, dass meine Schwester und ich überlegen, Fourways House zu verkaufen?« Ron blickte düster drein.

»Ich habe davon gehört, ja. Warum wollen Sie das tun?«

»Wir können es nicht mehr bewirtschaften, ganz einfach. Mrs. Daley kommt dreimal in der Woche vorbei und macht sauber, doch sie wird älter und älter, und ihre Beine sind nicht mehr die besten. Sie will an Weihnachten aufhören, hat sie uns gesagt. Damit ist auch für uns die Angelegenheit entschieden. Florence und ich beabsichtigen, nach einer hübschen komfortablen Wohnung mit einer modernen Küche Ausschau zu halten.« Vor Damaris’ geistigem Auge entstand ein Bild der antiquierten Küche von Fourways, insbesondere des eisig kalten Steinbodens.

»Mit richtiger Zentralheizung«, fügte sie sehnsüchtig hinzu. Rons Schnurrbart richtete sich auf.

»Ich habe eine Wohnung!«, verkündete er, wie einst Martin Luther King erklärt hatte, er hätte einen Traum.

»Und sehr komfortabel, wage ich zu behaupten! Aber sie ist nicht … wie … das … hier!« Bei seinen letzten Worten zeigte er mit der Pflanzkelle in die verschiedensten Richtungen.

»Nein«, sagte Damaris mit leerer Stimme.

»Nein. Es tut uns sehr Leid, von hier weggehen zu müssen. Dies ist das Haus, in dem wir aufgewachsen sind. Unser Elternhaus. All unsere Erinnerungen … Florence und ich sind zu dem Entschluss gekommen, dass wir uns zum Ende unseres Lebens ein wenig Komfort verdient haben. Und wir sind fest entschlossen, ihn zu bekommen.«

»Dann würde mein Rat an Sie beide lauten«, erwiderte Ron ernsthaft,»dass Sie mich einen kleinen Zierteich anlegen lassen. Gleich dort drüben, bei dem Magnolienbaum.« Dies war eine dermaßen irrwitzige Schlussfolgerung, dass Damaris den Gärtner nur sprachlos anstarren konnte.

»Man muss ein Haus ein wenig aufpolieren, wenn man es verkaufen will«, erklärte Gladstone, als er ihre Befremdung sah.

»Ein Garten mit einem hübschen kleinen Teich oder Brunnen könnte das entscheidende Argument für einen Käufer sein. Häufig kaufen die Leute ihre Häuser, weil sie sich in den Garten verlieben.« In diesem Augenblick bemerkte Damaris zu ihrer Erleichterung, dass ihre Schwester Florence aus dem Haus trat und in ihre Richtung kam. Damaris beendete den Disput mit:

»Sie werden mich entschuldigen, Mr. Gladstone, aber da kommt meine Schwester!« Sie sprang auf und eilte Florence entgegen. Als sie näher kam, schwand ihr Gefühl von Erleichterung. Florences hagere Gestalt, mehr oder weniger genauso gekleidet wie Damaris selbst, erweckte den Eindruck, als könnte bereits ein leichter Windhauch sie davonwehen. Sie ist jünger als ich, dachte Damaris, aber sie wird vor mir gehen, bestimmt, und dann bin ich ganz allein. Wir müssen weg von hier. Wir dürfen nicht noch einen weiteren Winter hier wohnen, ohne anständige Zentralheizung … wir müssen uns unbedingt eine Wohnung zulegen! Sie blickte an Florence vorbei auf das Haus mit seiner viktorianischen Fassade aus einheimischen Steinen, die Fourways das Aussehen eines Schlosses verlieh oder wenigstens das eines kleineren Adelssitzes. Ich war nicht ganz ehrlich zu Ron Gladstone, dachte Damaris nun. Es stimmt, dass ich mein ganzes Leben hier gelebt habe, und ich sollte eigentlich tief verwurzelt sein in diesem Haus. Aber in Wirklichkeit denke ich, dass ich es hasse. Ich fühle mich, als hätte es mich irgendwie aufgefressen. Selbst als ich noch jünger war und in Bamford meine Arbeit hatte, bin ich jeden Tag gleich nach Feierabend mit dem Fahrrad hierher gefahren, weil meine Eltern dies von mir erwartet haben. Weil sie erwartet haben, dass ich zum Abendessen komme. Andere Mädchen sind ausgegangen, haben Feste gefeiert und waren tanzen und haben junge Männer kennen gelernt und geheiratet. Aber nicht ich, o nein! Ich wurde hier gebraucht. Es ist mir egal, wenn sie den ganzen alten Kasten abreißen! Er hat noch keinem Oakley Glück gebracht, bis heute nicht! Zu Florence gewandt sagte sie:

»Er gibt einfach keine Ruhe mit seinem Springbrunnen! Ich habe mein Bestes versucht, um ihn davon abzubringen – schließlich können wir von Glück reden, dass wir ihn haben, schätze ich. Der Garten war eine einzige Wildnis, bevor er sich seiner angenommen hat. Erinnerst du dich noch an Evans, den Gärtner unserer Eltern?«

»Ja«, antwortete Florence.

»Er hat uns gezeigt, wie man Kletterbohnen in Töpfen aufzieht. Wir haben sie im alten Pflanzschuppen mit unseren Namen versehen und auf ein Gestell gesetzt. Deine Bohnen sind immer besser gewachsen als meine, und Arthurs waren die größten von allen.« Trotz der glücklichen Reminiszenz spürte Damaris, dass ihre Schwester angespannt war.

»Was ist denn los, Liebes?«, fragte sie besorgt.

»Die Post ist gekommen …«, antwortete Florence. Der Wind verfing sich in ihren greisen Haaren und löste Strähnen aus dem Knoten in ihrem Nacken. Beide Schwestern schwiegen. Damaris sah Florence abwartend und mit schwerem Herzen an. Sie fragte nicht, was der Postbote gebracht hatte. Sie wusste, um was es sich handeln musste, und sie wollte es nicht hören. Jede gewonnene Sekunde, bevor die Worte ausgesprochen waren, wurde zu etwas Kostbarem, denn nachdem sie ausgesprochen waren, würde nichts wieder sein wie vorher. Florence riss sich mühsam zusammen und richtete sich auf, während sie sich darauf vorbereitete, die unwillkommene Neuigkeit zu überbringen.

»Er hat einen Brief geschrieben«, sagte sie.

»Es steht fest. Er kommt.«

»Gift …«, sagte Geoffrey Painter,»… Gift war früher sehr viel beliebter als heute, um jemanden umzubringen. Ah, Würstchen im Blätterteig! Haben Sie schon eins davon probiert, Meredith?«

»Pass auf!«, flüsterte Alan Markby ihr ins Ohr.

»Es könnte ein Zahnstocher drinstecken.«

»Plappert Geoffrey euch schon wieder die Ohren voll mit seinen Giftgeschichten?«, fragte die Trägerin des Tabletts mit den Würstchen, Pam Painter.

»Ehrlich, er ist wie besessen davon!« Markby lächelte sie an.

»Ich spreche nur als einfacher Polizist, doch ich hatte mehr als einmal allen Grund, Geoffrey für sein Wissen über Gift dankbar zu sein! Er war uns oft eine große Hilfe.«

»Deswegen müssen Sie ihn noch längst nicht ermuntern, jetzt wieder davon anzufangen!«, entgegnete Pam Painter brüsk.

»Geoffrey! Heute Abend nicht, hast du verstanden?«

»Können Sie sich vorstellen, wie sie erst bei ihren politischen Sitzungen ist?«, sagte Geoffrey unbeeindruckt angesichts dieses direkten Befehls.

»Alan und Meredith interessieren sich aber dafür, Pam!«

»Es ist eine Einweihungsparty«, widersprach seine Frau,»und ich möchte eine fröhliche Stimmung und nichts von makabren Morden hören!« Sie ging mit ihrem Tablett weiter zu den anderen Gästen, die sich in dem relativ kleinen Wohnzimmer des nagelneuen Hauses der Painters drängten. Meredith hielt es für sinnlos, Geoffrey zu bitten, ausnahmsweise einmal nicht über Gift zu reden. Geoffrey Painter gehörte eindeutig zu jenen Leuten, denen es gelungen war, ihren Beruf zum Hobby zu machen. Er liebte seine Arbeit, und er liebte es, darüber zu reden. Geoffrey stand mitten in dem voll gepackten Raum, der zur Hälfte kahle Schädel rot vor Erregung, und hatte ein völlig neues Publikum um sich herum. Wie konnte er das ignorieren?

»Wie gefällt Ihnen das neue Haus, nachdem Sie sich ein wenig eingelebt haben?«, fragte Meredith, um Geoffrey abzulenken. Er blickte sich um, als sähe er sein Wohnzimmer zum ersten Mal.

»Gut. Es ist alles genauso, wie Pam es wollte. Ich persönlich finde es ein wenig beengt, aber so ist das nun mal in modernen Häusern.« Pam, die mit dem leeren Tablett auf dem Rückweg war, fing die letzten Worte auf.

»Wir brauchten dringend etwas Kleineres! Die Kinder sind im College. Das alte Haus war ein verschachtelter Kasten und hat viel zu viel Arbeit gemacht. Manche Leute mögen keine Neubausiedlungen, aber ich habe einfach nicht die Zeit, ein altes Haus zu renovieren. Ich weiß, Sie haben Ihr Cottage ganz allein renoviert, Meredith, und es ist sehr hübsch, jede Menge Charakter und so weiter. Oder jedenfalls war es so vor jener unglückseligen Geschichte mit dieser Bethan Talbot. Trotzdem, ich möchte auch noch andere Dinge tun, draußen, außerhalb meiner Wohnung! Und es ist sinnlos, Geoffrey darum zu bitten, irgendetwas zu reparieren oder zu dekorieren. Er hat zwei linke Hände. Ich wollte einfach nur irgendwo einziehen, meinen Kram auspacken und weiterleben. Zeit zum Umziehen, habe ich zu Geoffrey gesagt. Jetzt oder nie.« Geoffrey nickte ununterbrochen zu den Worten seiner Frau, doch er hatte immer noch Einwände.

»Sie sagte, sie wollte etwas Kleineres, aber jetzt haben wir keinen Platz mehr für all unsere Sachen, und Pam will einfach nichts wegwerfen!«

»Ich kann doch nichts wegwerfen, was die Kinder vielleicht eines Tages möchten!«, protestierte seine Frau entschieden.

»Du willst ja schließlich auch kein einziges von deinen Büchern wegtun!« An Meredith gewandt fügte sie hinzu:

»Ich gebe zu, die Zimmer haben zu Anfang viel größer ausgesehen, als sie noch leer waren – aber wir werden uns mit der Zeit schon daran gewöhnen.« Sie verschwand mit ihrem Tablett in der Küche. Meredith blickte sich im Zimmer um und dachte, wie offensichtlich neu alles wirkte. Der Geruch von neuem Holz und frischer Farbe hing in der Luft. Trotz des Dufts nach Essen und Getränken konnte sie diesen eigenartigen Geruch wahrnehmen, der an neuen Teppichen und Vorhängen haftet, dieses irgendwie chemische Aroma. Es war nicht nur so, dass die neuen Bewohner sich erst einleben mussten in ihrem Haus, auch das Haus benötigte Zeit, um den Geruch seiner Bewohner anzunehmen.

»Arsen!«, sagte Geoffrey mit melodramatischem Grinsen. Jetzt, da seine Frau aus dem Weg war, hatte er sich mit der Unausweichlichkeit eines Bumerangs wieder seinem Lieblingsthema zugewandt.

»Das beliebteste Gift in der viktorianischen Epoche. Es war ja auch so praktisch damals. Fast in jedem Haushalt gab es die eine oder andere Zubereitung mit Arsen, um das Ungeziefer in Schach zu halten, das selbst in den vornehmsten Häusern eine Plage bedeutete.«

»Sicher war Arsen als Gift unter diesen Umständen auch sehr offensichtlich?«, warf Meredith ein.

»Nicht alle Ärzte erkannten es«, erklärte Geoffrey.

»Zweifellos ist der Justiz eine ganze Reihe von Morden durch das Netz geschlüpft, weil die Mediziner damals die Symptome einer Arsenvergiftung mit anderen Krankheiten verwechselt haben. Selbst wenn das Gesetz der Meinung war, dass es sich um einen Mord handelte, war der Beweis alles andere als einfach!«

»Daran hat sich seit damals nichts geändert«, brummte Markby melancholisch. Geoffrey schien es überhört zu haben.

»Selbst noch in den sechziger Jahren ist die berüchtigte Schwarze Witwe von Loudon von einem französischen Gericht freigesprochen worden, weil die forensischen Beweise nicht zweifelsfrei waren – und sie war angeklagt, ihre halbe Familie und einige ihrer Nachbarn vergiftet zu haben!« James Hollands mächtiger Leib erschien neben ihnen.

»Vielleicht …«, sagte er verträglich,»… vielleicht lag es daran, dass sie unschuldig war?«

»Vielleicht war sie das tatsächlich«, stimmte Geoffrey ihm zu.

»Doch viele Menschen, die in der viktorianischen Epoche wegen Mordes mit Arsen gehängt wurden, waren möglicherweise ebenfalls unschuldig. Arsen wurde beispielsweise auch in so gewöhnlichen Dingen wie grüner Farbe benutzt. Wenn Sie ein sehr altes Buch mit einem grünen Einband besitzen, sollten Sie sich gründlich die Hände waschen, nachdem Sie es angefasst haben. Es gibt eine Theorie, dass Napoleon in seinem Exil auf St. Helena durch seine grüne Tapete allmählich vergiftet wurde.« Diese Vorstellung schien Pater Hollands Fantasie zu beflügeln.

»Kerzenlicht«, sagte er melancholisch.

»Gaslaternen. Pferdedroschken. Frauen in weit ausladenden Reifröcken!« Die anderen starrten ihn verständnislos an.

»Viktorianische Melodramen«, erklärte er.

»Ich liebe diese Stücke. All diese Londoner Straßen voller Nebel und die großen düsteren Herrenhäuser. Geben Sie noch ein wenig Gift hinzu, und Sie haben mich am Haken.«

»Das hätte ich nicht von einem Mitglied der Geistlichkeit erwartet!« Markby grinste ihn an.

»Ich lese nun einmal gerne gute Geschichten«, erwiderte James Holland selbstzufrieden.

»Pilzpastetchen? O nein, Geoffrey! Du bist doch wohl nicht immer noch mit deinem Gift dran?« Pam war mit einem frischen Tablett aus der Küche zurückgekehrt.

»Bücher«, sagte Markby hastig.

»Wir haben uns über unsere Lieblingsbücher unterhalten.« Er blickte an ihr vorbei zu einer jungen Frau, die direkt hinter Pam Painter stand.

»Wie steht es mit Ihnen, Juliet? Was lesen Sie gerne?« Die angesprochene Frau trat in den Kreis. Ein Fremder, der sie zum ersten Mal sah, hätte sie wahrscheinlich viel jünger geschätzt, als sie in Wirklichkeit war. Die blonden Haare, der lange Zopf in ihrem Nacken, die runde Schulmädchenbrille und der frische, leicht gebräunte Teint ihrer Gesichtshaut, auf die sie nur sehr wenig Make-up aufgetragen hatte, ließen sie wie Anfang zwanzig wirken. Erst wenn sie redete und man sie genauer betrachtete, erhöhte man diese Schätzung auf vielleicht dreißig. Juliet Painter war in Wirklichkeit bereits vierunddreißig. Sie trug ein dreiteiliges rötlich-braunes Kostüm, glatt und einfach geschnitten. Der Schnitt mag einfach sein, schätzte Meredith, doch das Kostüm hat zweifellos viel Geld gekostet. Geld, das man für solch ein Material und solch einen Schnitt einfach bezahlen musste.

»Ich lese nicht viel«, antwortete Juliet Painter leichthin.

»Ich habe einfach nicht die Zeit dazu. Und wenn ich sie hätte, würde ich bestimmt keine Geschichten lesen wie die, die Pater Holland mag.«

»Dann wissen Sie gar nicht, was Ihnen entgeht!«, sagte James Holland völlig unbeeindruckt. Sie grinsten sich gegenseitig an, wie es alte Freunde und Sparringspartner tun.

»Ihr Immobilienmakler seid zu beschäftigt, um ein gutes Buch in die Hand zu nehmen?«, fragte Geoffrey und fixierte sie mit einem spöttischen Blick. Sie sahen, wie sie errötete und Ärger hinter den runden Brillengläsern aufstieg, der sich in ihrer Stimme wiederfand, als sie antwortete.

»Ich bin keine Immobilienmaklerin, Geoffrey! Ich weiß nicht, wie oft ich dir das schon gesagt habe! Eigentlich müsstest du es inzwischen begriffen haben. Ich bin Vermögensberaterin. Ich berate Leute und suche Anlageobjekte für sie. Ich besitze ein Talent, wenn ich das so sagen darf, für das Aufspüren geeigneter Objekte. Manchmal gehe ich zu Versteigerungen und biete im Namen meiner Klienten. Es macht mir Spaß. Es ist nicht so, als würde ich Häuser verkaufen«, schloss sie in scharfem Ton.

»Und du hast auch noch nie eine Provision von einer Immobilienagentur bekommen, die ein Herrenhaus an der Hand hatte?« Geoffrey leerte sein Weinglas und blickte sich suchend nach einer Stelle um, wo er es absetzen konnte.

»Halt die Klappe, Geoffrey!«, sagte seine Frau mit noch mehr Nachdruck als üblich.

»Das ist ja schon fast üble Nachrede!«, empörte sich Juliet aufgebracht.

»Und töricht obendrein! Ich kann es mir nicht leisten, meinem Ruf zu schaden, indem ich eine offensichtliche Gurke zum Kauf empfehle! Hätte jemand anders so etwas zu mir gesagt, ich würde ihn auf der Stelle verklagen! Nur weil du mein Bruder bist, musst du dir nicht einbilden, dass du immer ungeschoren davonkommst, Geoff! Eines Tages wirst du zu weit gehen. Du hattest schon immer einen merkwürdigen Sinn für Humor.«

»Und du, kleine Schwester, bist schon immer auf jeden Köder angesprungen, den man dir hingehalten hat.«

»Geoffrey!«, mahnte Pam Painter resolut.

»Unsere Gäste haben fast nichts mehr zu trinken. Es wird Zeit, dass du dich um Nachschub kümmerst.« Geoffrey warf einen entschuldigenden Blick in die Runde, bevor er, dicht gefolgt von seiner Frau, in die Küche ging, um Flaschen zu öffnen. Pater Holland kicherte sich in den dichten schwarzen Bart.

»Irgendetwas sagt mir, dass der arme alte Geoffrey in der Küche gerade mächtig die Leviten gelesen bekommt.«

»Von wegen armer alter Geoffrey!«, entgegnete Juliet Painter.

»Er hat zu viel getrunken! Ich wünschte, er würde nicht ständig von seinen Giften reden! Es beunruhigt die Leute – ist Ihnen das nicht aufgefallen? Ich glaube, Pam hat es bemerkt. Ich denke immer …« Sie zögerte.

»Ich denke immer, man sollte nicht so viel von schlimmen Dingen reden, sonst beschwört man sie herauf.«

»Rede vom Teufel«, murmelte James Holland,»und er erscheint.«

»Ganz genau. Ich schätze, das klingt abergläubisch, aber das ist es nicht.« Juliet schüttelte den Kopf, und ihr langer Zopf flog hin und her wie ein Pferdeschweif, der die Mücken verscheuchen soll.

»Es ist kein Aberglaube«, sagte Alan Markby.

»Es ist das menschliche Unterbewusstsein bei der Arbeit. Es fängt die Schwingungen auf, die uns verraten, dass Gefahr lauert. Ein Erbe aus unserer primitiven Vergangenheit. Aber mit wem haben Sie geredet, Juliet, oder wo waren Sie in letzter Zeit, dass ihre Höhlenmenscheninstinkte wieder wach geworden sind?«

»Nicht«, erwiderte sie unruhig. Die Tür schwang auf, und Geoffrey Painter erschien mit einer Flasche in jeder Hand.

»Noch einen Nachschlag? Roten oder Weißen? Ich musste versprechen, mich von jetzt an zu benehmen. Tut mir Leid, wenn ich dich verärgert habe, Schwester.«

»Du bist ein Idiot«, sagte seine Schwester zum Zeichen, dass sie seine Entschuldigung annahm.

»Sie kennen nicht zufällig jemanden, der ein Haus mieten möchte?«, fragte Meredith. Juliet blickte sie überrascht an.

»Ich kenne immer Leute, die ein Haus mieten wollen. Welches Haus denn?«

»Hier in Bamford. Mein eigenes, in der Station Road. Ein Reihenendhaus, frühviktorianisch, ein altes Cottage. Nicht von der luxuriösen Sorte, wie Sie es gewöhnt sind, Juliet, aber es wurde gerade erst völlig renoviert und neu möbliert.«

»Es muss schrecklich für Sie gewesen sein, nach Hause zu kommen und alles zerstört und besudelt vorzufinden.« Geoffrey schüttelte mitfühlend den Kopf.

»Pam hat mir die Geschichte erzählt.«

»Ja, es war grauenhaft.« Es gelang Meredith immer noch nicht, ihren Abscheu zu verbergen. Juliet, die nur gelegentlich zu Besuch in Bamford war, wandte sich fragend an Meredith.

»Was ist denn passiert? Ich habe nichts davon gehört.«

»Jemand mochte mich nicht«, berichtete Meredith.

»Sie dachte, ich hätte sie aufs Kreuz gelegt. Also hat sie es mir heimgezahlt.«

»Das klingt ja richtig unheimlich«, sagte Juliet mitfühlend.

»Das können Sie laut sagen. Sie hat überall rote Farbe vergossen und meine Garderobe in Fetzen gerissen. Na ja, seitdem wohne ich bei Alan. Zuerst wollte ich ja direkt wieder in mein Haus zurück, sobald es bewohnbar war, doch irgendwie kann ich mich nicht mit dem Gedanken anfreunden, und Alan und ich haben überlegt …« Sie sah Alan von der Seite an.

»Wir haben überlegt, dass wir nach einem Haus suchen, wo wir gemeinsam wohnen können«, sagte Markby.

»Mein Haus war für mich allein in Ordnung, aber für uns beide ist es nicht wirklich geeignet.« In Merediths Ohren klang seine Stimme ein wenig trotzig. Als dächte er, die Leute könnten nicht glauben, was sie da hörten. Wer Markby und Meredith gut genug kannte, sagte Dinge wie:

»Ich dachte eigentlich, ihr wärt beide viel zu unabhängig?« oder:

»Hat ja lange genug gedauert, bis ihr auf den Trichter gekommen seid«. In Markbys Trotz schwang zugleich Befriedigung mit. Er hatte bekommen, was er wollte. Meredith für ihren Teil wusste immer noch nicht, ob es auch das war, was sie wollte. Juliet musterte die beiden, und als sie sprach, klang es ganz und gar geschäftlich.

»An was für ein Haus hatten Sie denn gedacht?«

»Warten Sie!«, protestierte Alan schwach.

»Wir können uns Ihre Provision nicht leisten.«

»Ich habe nicht gesagt, dass ich eine Provision von Ihnen nehme. Ich stimme zu, dass Sie mein Honorar wahrscheinlich nur ungern zahlen würden. Doch ich höre häufig von Objekten auf dem Markt, wissen Sie? Objekten, die meine Erfordernisse nicht treffen. Ich könnte Ihnen Bescheid geben.«

»Das wäre wirklich sehr freundlich von Ihnen«, sagte Markby. Juliet betrachtete Meredith nachdenklich.

»Ich sage Ihnen Bescheid wegen Ihres Hauses. Ich müsste es mir einmal ansehen.«

»Mit Vergnügen. Lassen Sie mich wissen, wann Sie den Schlüssel haben möchten. Es liegt ganz in der Nähe des Bahnhofs, falls jemand Pendler ist wie ich und jeden Tag in den großen Grützbeutel muss.«

»Dann arbeiten Sie immer noch beim Foreign Office?«, fragte Juliet.

»Immer noch an einen Schreibtisch gefesselt, ja.« Sie spürte den angespannten Blick, den Alan ihr zuwarf, und fragte sich, ob er nach all der Zeit immer noch Angst hatte, dass Meredith, falls ein Mandarin sich erweichen ließ und ihr einen Posten in Übersee anbot, diesen ohne zu überlegen annehmen und Hals über Kopf weg sein würde. Würde ich das?, fragte sie sich. Ist das der Grund, aus dem ich so widerwillig war, mich in eine dauerhafte Bindung ziehen zu lassen, selbst mit Alan? Er weiß, obwohl wir nun endlich unter einem Dach wohnen, dass nur die Tatsache mich zum Einzug bei ihm bewegen konnte, dass mein eigenes Haus vorübergehend unbewohnbar gemacht wurde. Neben ihr rührte sich Alan. Er stand mit dem Rücken an ein Bücherregal gelehnt und war eingekeilt zwischen Meredith und der massigen Gestalt von James Holland.

»Wie schön, dass Sie den Weg aus der großen Stadt hierher gefunden haben, Juliet«, sagte er und befreite seine Ellbogen.

»Ich konnte doch die große Einweihungsparty nicht versäumen!« Ein wenig melancholisch fügte sie hinzu:

»Außerdem hatte ich geschäftlich in Bamford zu tun – ich musste nach Fourways House.«

»Zu den Oakley-Schwestern?«, rief Geoffrey.

»Jetzt erzähl mir nicht, dass einer deiner reichen Kunden aus dem Mittleren Osten in Fourways House wohnen will und bereit ist, den Oakley-Ladys bündelweise Geld für den alten Kasten zu bezahlen!«

»Nein – für einen Klienten aus dem Mittleren Osten ist es viel zu sehr heruntergekommen. Ich war bei den OakleySchwestern, weil Damaris mir geschrieben und mich um einen Besuch gebeten hat.« Juliet zögerte.

»Es ist kein Geheimnis, dass Damaris und ihre Schwester sich schon seit einigen Jahren nur noch mit Mühe über Wasser halten. Jetzt haben sie beschlossen zu verkaufen, egal zu welchem Preis, und in eine passende Wohnung zu ziehen, vorzugsweise im Erdgeschoss und irgendwo an der See. Ich habe mir Fourways House recht gründlich angesehen, während ich dort war – teilweise, um mir eine Vorstellung vom erzielbaren Preis zu machen, und zum anderen Teil, weil ich zuerst dachte, es könnte einem Klienten gefallen. Doch das denke ich jetzt nicht mehr.« Juliet schürzte die Lippen.

»Offen gestanden, der Besitz wird in seinem gegenwärtigen Zustand schwer zu veräußern sein. Trotzdem müssen die Schwestern verkaufen, denn Haus und Grund sind das einzige Kapital, über das die beiden verfügen.«

»Ich schätze, die Gärten sind genauso verwahrlost«, bemerkte Alan Markby, indem er den einzigen Aspekt des Themas aufgriff, der ihn interessierte.

»Offen gestanden sind sie in viel besserem Zustand als das Haus. Die Oakley-Schwestern haben einen alten Pensionär an der Hand, der ihnen den Garten macht. Kostenlos. Es ist sein Hobby.«

»Ron Gladstone«, nickte James Holland.

»Ich bin verantwortlich für dieses Arrangement. Bis jetzt scheint es ganz gut zu funktionieren, bis auf die eine oder andere Streitigkeit, ob nun ein buntes Pflaster gelegt wird oder nicht.« Juliet wandte sich ihrem Bruder zu.

»Die Oakley-Schwestern sind ein ausgezeichnetes Beispiel für die Art von Leuten, denen ich helfen kann, Geoff. Sie besitzen keinen eigenen Wagen und auch nicht mehr die physische Verfassung, um durch das Land zu streifen und nach geeigneten Wohnungen Ausschau zu halten. Damaris hat mich gefragt, ob ich das für sie und ihre Schwester tun könnte. Ich habe Ja gesagt.«

»Ich will dir ja nicht zu nahe treten«, entgegnete Geoffrey, der zumindest für den Augenblick seine Lektion gelernt zu haben schien,»aber müssen die Schwestern nicht zu einem halbwegs vernünftigen Preis verkaufen, allein schon um deine exorbitante Provision zu finanzieren?« Diesmal reagierte Juliet nicht aufgebracht.

»Rein zufällig nehme ich keine Provision von den Oakleys. Ich kenne die beiden alten Mädchen schon mein ganzes Leben, Herrgott noch mal! Es sollte kein Problem darstellen, eine angemessene Wohnung für den Lebensabend der beiden zu finden, während ich für andere Klienten nach passenden Immobilien Ausschau halte.«

»Sie sind wirklich ein liebes Mädchen«, sagte James Holland.

»Es ist ausgesprochen nett von Ihnen, den OakleySchwestern behilflich zu sein.«

»Ich bin nicht Ihr liebes Mädchen«, erwiderte sie kampfeslustig.

»Ich bin niemandes liebes Mädchen! Versuchen Sie nicht, mir gönnerhaft zu kommen, James!«

»Wie könnte ich das?«

»Falls Sie sich für viktorianische Giftmorde interessieren, James …?«, unterbrach Geoffrey den sich anbahnenden Streit.

»Du wirst ihm jetzt doch wohl nicht von dem Fall Oakley erzählen, Geoffrey?«, unterbrach ihn Juliet.

»Meinst du nicht, dass man die Sache besser auf sich beruhen lassen sollte?«

»Ah, der mysteriöse Tod von Cora Oakley«, sagte Alan Markby.

»Ich bin mit diesem Fall vertraut … doch ich möchte Ihnen nicht den Spaß verderben, falls Sie die Geschichte erzählen wollen, Geoffrey.«

»Ich kenne den Fall nicht«, sagte James Holland.

»Ich auch nicht«, fügte Meredith prompt hinzu.

»Es ist eine grässliche Geschichte«, warf Juliet ein.

»Erzähl sie nicht, Geoff. Bitte nicht!«

»Aber James und Meredith sind interessiert«, beharrte Geoffrey störrisch.

»Nun ja, wenn ich sie nicht erzählen darf – ich habe reichlich Notizen über diese Geschichte. Falls Sie meine Notizen zum Lesen ausleihen möchten …? Sie wissen wahrscheinlich, dass ich vorhabe, eines Tages ein Buch über kontroverse Gerichtsverfahren vergangener Zeiten zu schreiben? Falls ich jemals die Zeit dazu finde, heißt das. Denken Sie nur, ich erhalte keine Hilfe von der Familie. Man hat mir sehr energisch klar gemacht, dass man nicht beabsichtigt, die Toten für mich in ihrer Ruhe zu stören. Trotzdem … rein zufällig habe ich erst gestern meine Nachforschungen über die Oakleys wieder ausgepackt. Sie liegen in meinem Büro auf dem Schreibtisch. Möchte einer von Ihnen sie mitnehmen, wenn Sie nach Hause gehen? Ich habe alles auf Diskette gespeichert.« Meredith und James Holland wechselten einen Blick.

»Ladies first«, sagte der Vikar schließlich galant.

»Geben Sie mir die Unterlagen, wenn Sie damit durch sind, Meredith.« Geoffrey strahlte die beiden an.

»William Oakley wurde wegen Mordes an seiner Frau Cora angeklagt. Er kam frei, aber er hatte verdammtes Glück. Viele wurden aufgrund wesentlich schwächerer Beweise zum Schafott verurteilt.«

»Ich habe ein Porträt von William gesehen. Es hängt schamhaft versteckt in einem staubigen Hinterzimmer auf Fourways«, sagte Juliet unerwartet.

»Ich habe es entdeckt, als Damaris mich herumgeführt hat. Sie war sehr verlegen. Sie sagte nur steif, dass es ein Bildnis ihres Großvaters sei, und ging eilig weiter. Ich bin zurückgeschlichen und hab es mir noch einmal angesehen, als sie mir den Rücken zudrehte. Auf dem Bild sieht William aus wie die Sorte Mann, die damals als attraktiv galt. Jede Menge schwarzer Locken und ein schicker Schnauzbart, und er sieht aus, als würde er gerne einen über den Durst trinken!« Juliet illustrierte ihre Beschreibung mit einer Geste der linken Hand und schnitt eine ironische Grimasse. Dann errötete sie unvermittelt, als alle sie ansahen.

»Schon gut«, räumte sie ein,»ich gebe ja zu, ich war interessiert! Ich habe nicht gesagt, dass es keine interessante Geschichte ist, oder? Nur, dass sie schrecklich ist. Außerdem muss man William Oakley nur ansehen, um zu wissen, dass er zu der Sorte Mann gehört, die ihre Frauen umbringt.«

»Die kriminelle Contenance«, sinnierte Markby.

»Früher einmal eine weit verbreitete Theorie, aber heutzutage als unsinnig widerlegt. Ich frage mich, was nach der Gerichtsverhandlung aus William wurde? Nach einem Skandal wie diesem war er in der einheimischen Gesellschaft wohl kaum noch willkommen?« Geoffrey zuckte die Schultern.

»Ich würde Ihnen ja gerne erzählen, dass er ein passendes Ende gefunden hat, aber das kann ich nicht. Niemand weiß, was aus ihm wurde. Es gab natürlich eine Menge Gerede, und die Leute mieden ihn. Nachdem sein Ruf am Boden lag, machten beide Seiten der Familie ihm klar, dass er weggehen und wegbleiben sollte. Er ging ins Ausland und kehrte nie wieder zurück. Es war die Art und Weise, wie man damals mit Skandalen in der Familie umging. Sein Sohn wuchs in der Fürsorge von Verwandten auf. Als er einundzwanzig wurde, ging er vor Gericht, um seinen Vater von Gesetzes wegen für tot erklären zu lassen. Ich schätze, es sollte dazu dienen, den Besitztitel für das Haus und die beträchtlichen Ländereien zu übernehmen. Ausgedehnte Erkundigungen nach dem Verbleib von William blieben ergebnislos. Der größte Teil des nicht unbeträchtlichen Vermögens seiner Frau war nach ihrem letzten Willen auf den Jungen übergegangen, und William verfügte über wenig Barvermögen. Sein Reichtum lag in den Mauern und dem Mörtel von Fourways, doch er hatte sich an niemanden um finanzielle Hilfe gewandt. Er war offensichtlich vom Angesicht der Erde verschwunden, also erklärte das Gericht ihn für tot. Der Sohn war, wie sich herausstellte, Gott sei Dank kein unweit vom Stamm gefallener Apfel. Er lebte glücklich und zufrieden mit seiner Frau und seiner Familie auf Fourways, obwohl er sich nie vom Verlust seines einzigen Sohnes Arthur erholte, der im Krieg fiel. Keine seiner beiden Töchter heiratete. Heute sind sie, wie Juliet bereits gesagt hat, alt und nicht mehr bei allerbester Gesundheit. Ich bin nicht überrascht, dass die Oakley-Schwestern in eine vorteilhaftere Umgebung ziehen möchten. Trotzdem ist es ein trauriger Gedanke, dass die letzten der Oakleys den Stammsitz der Familie nach wie viel …? Bestimmt nach mehr als hundertdreißig Jahren verlassen müssen. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass die beiden Schwestern in einer kleinen, modernen Neubauwohnung mit Nachbarn rechts und links und oben und unten glücklich sein werden.« Meredith hatte während Geoffreys Geschichte nachgedacht.

»Es ist eine traurige Geschichte, aber durchaus nicht weiter ungewöhnlich«, sagte sie nun.

»Ich meine nicht den Mord, sondern die Tatsache, dass alte Familien aussterben, dass das Geld zu Ende geht, dass große alte Herrenhäuser verfallen, bis sie nicht mehr oder nur unter großem Aufwand zu retten sind. Wer kann sich heute noch leisten, in einem solchen Haus zu leben außer Popstars, reichen Arabern und einer Hand voll erfolgreicher Managertypen?«

»Erfolgreiche Ganoven.« Markby klang resigniert.

»Sie lieben es, mit ihrem Geld um sich zu werfen und in großem Stil zu leben.«

»Nicht auf Fourways, ganz bestimmt nicht«, sagte Juliet im Tonfall von jemandem, der es wissen musste – was ihr einen neugierigen Blick von Markby einbrachte.

»Oder jedenfalls glaube ich das nicht«, verbesserte sie sich hastig.

»Sehen Sie mich nicht so an, Alan! Meine Klienten sind ausnahmslos respektabel. Ich habe Ihnen doch gesagt, Fourways ist eine verfallende Ruine.« Pam Painter kam wieder herbeigestürmt, mit gerötetem Gesicht und außer Atem.

»Sagen Sie nichts! Ich weiß genau, worüber Sie alle sich unterhalten haben!« Sie wandte sich an Markby.

»Wissen Sie, Alan, Sie verführen Geoffrey immer dazu, über diese grässlichen Dinge zu sprechen! Kaum kommen Sie zu Besuch, fängt er damit an, über Morde zu reden!«

»Mach dem armen Alan keine Vorwürfe«, verteidigte Geoffrey ihn.

»Er gibt mir lediglich eine Gelegenheit, mich mit meinem Hobby zu befassen. Außerdem irrst du dich; wir hatten über den Verkauf von Fourways gesprochen. Das hat überhaupt nichts mit Mord zu tun.« An Meredith gewandt flüsterte er:

»Ich gebe Ihnen die Schachtel mit den Unterlagen, bevor Sie gehen. Passen Sie auf, dass Pam sie nicht zu sehen bekommt!« 1889

KAPITEL 3

IM OSTEN wurde die Dunkelheit von einem ersten schwachen Streifen Helligkeit verdrängt. Die beiden Männer, dick eingemummt gegen den bitterkalten Wind, starrten voller Ungeduld und Besorgnis zum Horizont. Sie hatten die vergangene Stunde auf diesem Friedhof verbracht, und der einzige Schutz war die Lee eines kleinen Mausoleums. Von diesem trübseligen Aussichtspunkt beobachteten sie die Geschehnisse ein paar Yards weiter vorn, wo mehrere Männer an einem im Erdboden klaffenden Loch arbeiteten. Zwei von ihnen schaufelten emsig Erde nach draußen und vertieften das Loch, zwei andere hielten Laternen. Niemand redete. Die Werkzeuge verursachten kratzende, scharrende Geräusche, wenn sie kleine Steine und Kies trafen. Hin und wieder verriet ein Rascheln im ungeschnittenen Gras abseits des Lochs die Anwesenheit des einen oder anderen kleinen Tiers, das aufgeschreckt durch die Gegenwart von Menschen zu dieser ungewohnten Stunde sein Heil in der Flucht suchte.

Ein oder zwei Schritte neben dem Loch stand ein Constable in einem wasserdichten Cape und beaufsichtigte in düsterem Schweigen die fortschreitenden Arbeiten. Zu seinen Füßen befand sich eine offene Kiste mit Gläsern darin. Von Zeit zu Zeit blickte der Constable auf die Kiste hinab, als wollte er sichergehen, dass niemand sie heimlich stehlen konnte. Die letzte Person in dieser Gruppe war ein brillentragender kleiner Mann, der bewaffnet mit einer kleinen Schaufel und einem Glas, das aussah wie die anderen in der Kiste, um die Totengräber herumtanzte. Im Gegensatz zum mürrischen Schweigen der Arbeiter äußerte er regelmäßig protestierende Rufe wie:

»Einen Augenblick bitte, ich muss eben eine Probe nehmen! Ich sagte einen Augenblick bitte, warten Sie!«

»Hören Sie, Wood!«, rief der größere der beiden Männer beim Mausoleum. Durch das weite Cape und den großen Seidenhut, den er unpassenderweise dazu trug, wurde seine Größe noch stärker betont.

»Können diese Leute nicht ein wenig schneller arbeiten? Bald machen sich die ersten Leute auf den Weg zur Arbeit, die Sonne geht auf, und dann haben wir eine gaffende Menge hier herumstehen!«

»Jawohl, Sir Herbert«, sagte sein Begleiter, der einfach gekleidet war mit einem Ulstermantel und einem Bowlerhut, den er sich bis weit über die Ohren gezogen hatte. Er hatte außerdem die kluge Vorsichtsmaßnahme ergriffen, sich einen Wollschal mehrere Male um den Hals und über das Kinn zu schlingen. Als Ergebnis kam seine Stimme undeutlich und dumpf aus den Falten des Schals.

»Es ist der wissenschaftliche Gentleman, der uns immer wieder aufhält, Sir.«

Sir Herbert murmelte etwas Unverständliches. Er akzeptierte das behutsam vorgebrachte Argument. Die Verantwortung für die Verspätung lag nicht bei den einheimischen Arbeitern oder Beamten, sondern bei dem Geologen, der die Bodenproben nahm und zusammen mit Sir Herbert aus London angereist war.

In diesem Augenblick schlug die Kirchenuhr die Viertelstunde.

»Hören Sie?«, sagte Sir Herbert übellaunig.

»Es ist bereits Viertel vor sechs!«

Wood blieb die Mühe erspart, zu antworten, denn zu ihrer Rechten erlitt jemand einen lauten Hustenanfall.

»Und dieser Bursche geht mir auf die Nerven!«, fügte Sir Herbert verärgert hinzu. Beide wandten sich in die Richtung des Hustens und starrten strafend zu einem schwarz gekleideten Gentleman.

»Ich habe eine Erkältung!«, rief dieser sich rechtfertigend und mit hörbar zugeschwollener Nase. Wie um die Tatsache zu untermauern, zückte er ein großes weißes Taschentuch und begann sich lautstark zu schnäuzen. Sir Herbert murmelte eine empörte Antwort.

»Wir müssen den Totengräber dabeihaben«, erklärte Wood mit besänftigender Stimme.

»Er muss den Sarg identifizieren, sobald wir ihn freigelegt haben.« Wood warf einen angespannten Blick zu den Männern mit den Schaufeln, die erneut von dem Wissenschaftler aufgehalten wurden, als dieser ein weiteres Glas mit einer Bodenprobe füllte.

»Ich weiß selbst sehr wohl, wozu dieser Bursche hier ist!«, fauchte Sir Herbert.

»Jedoch nach den Geräuschen zu urteilen, die er von sich gibt, liegt er selbst bald unter der Erde!« Der Totengräber hatte die beleidigenden Worte aufgeschnappt und stellte sich weiter abseits. Er zitterte vor Empörung. Inzwischen war es merklich heller geworden. Ringsum lösten sich Schatten aus dem Dämmerlicht und erweckten den Eindruck, dass die von Sir Herbert befürchtete Menge von Gaffern sich bereits in der Gestalt von Steinengeln und Cherubim versammelt hatte. Marmorhände, die sich vor Entsetzen rangen, und pupillenlose Augen, die die Entweihung der Toten verfolgten und die Lebenden anstarrten, die dafür verantwortlich waren. Der bleiche Streifen am Horizont war zu einem rötlichen Lichtschein geworden. Roter Himmel am Morgen bringt schlechtes Wetter und Sorgen, dachte Wood. Er hoffte, dass es kein schlechtes Omen darstellte. Er war genauso begierig wie der Mann vom Home Office, endlich von hier wegzukommen. Wood mochte Friedhöfe nicht, ganz besonders nicht die großtuerischen Skulpturen ringsum. Er hatte seiner Tochter Emily einmal, halb im Scherz, gesagt, dass er nur einen einfachen Grabstein mit einer einfachen Aufschrift wollte, wenn die Zeit gekommen wäre, ihn beizusetzen:

Hier ruhet in Frieden Jonathan Wood. Auch wenn er ein paar böse Dinge getan, so war er doch hauptsächlich gut.

Emily hatte es nicht mit Humor aufgenommen. Tatsächlich war sie so untröstlich gewesen, dass er sich vielfach entschuldigt und darauf bestanden hatte, dass es ihm ganz ausgezeichnet ging und er nicht unter den geringsten körperlichen Beschwerden litt, danke sehr. Nicht ein einziges Zipperlein, Gott bewahre!

»Ich sage Ihnen eines, Wood, das Home Office ist alles andere als glücklich über diese Geschichte«, murmelte Sir Herbert leise.

»Verflixt, wir haben nichts weiter als die Aussagen einer entlassenen Haushälterin und eine Menge einheimischen Klatsch. Ich glaube, falls es zu einer erneuten Verhandlung kommt, hat die Verteidigung einen ganz großen Tag. Wäre nicht die Tatsache, dass der Vater der Toten einen Freund im Kabinett sitzen hat, würde diese Exhumierung sicher nicht stattfinden!«

»Wir haben einen klassischen Satz von Umständen«, entgegnete Wood und schob das Kinn aus dem Schal.

»Mr. Oakley ist in der Gegend seit langem als Schürzenjäger bekannt. Er hat sein eigenes Geld mehr oder weniger durchgebracht, bevor er schließlich eine reiche Frau heiratete. Hätte er einen Funken Verstand besessen, hätte er spätestens jetzt aufgehört, hinter den Röcken herzujagen, aber nein, alte Gewohnheiten halten sich widerspenstig, wie ich zu sagen wage. Seine Frau hat ihm schließlich mit Scheidung gedroht, wissen Sie? Und deswegen hat er sie aus dem Weg geräumt.«

»Umstände! Umstände! Mehr haben Sie nicht!«, entgegnete Sir Herbert gereizt.

»Die Krone muss es beweisen, verdammt! Falls Oakley es getan hat, dann war der Bursche verflixt raffiniert! Niemand bei der ursprünglichen Gerichtsverhandlung zur Feststellung von Cora Oakleys Todesursache schien der Auffassung, dass es sich um etwas anderes als einen schrecklichen Unfall gehandelt haben könnte! Und noch eine Sache. Dieser Wissenschaftler hat Proben von überall auf diesem Friedhof genommen. Wenn sich sonst noch irgendwo Arsen findet, dann fliegt der Fall aus dem Fenster! Es ist schon früher geschehen, und es wird auch wieder geschehen!«

Ja, das ist wahr, dachte Wood düster. Und falls es wieder geschah, dann wusste er auch schon, wer dafür die Schuld bekommen würde. Bamford war keine große Stadt, doch es war ein wichtiges Marktzentrum für das umgebende Land, und man erwartete von der Polizeistation, dass sie in ihrem weitläufigen Bezirk Recht und Ordnung aufrechterhielt. Aus diesem Grund gab es in Bamford auch einen Inspector als Leiter, wohingegen andere Städte vergleichbarer Größe höchstens einen Sergeant hatten.

Nicht, dass ein wirklich guter Inspector in diese ländlich abgelegene Gegend geschickt worden wäre – nein, sie hatten Wood den Posten angedient. Er mutmaßte insgeheim, dass er seine Beförderung nur aus dem einen Grund erhalten hatte, weil man auf diese Weise zwei Fliegen mit einer Klappe hatte schlagen können. Er hatte hart gearbeitet und einige Erfolge im Verlauf seiner Karriere vorzuweisen, doch er gehörte nicht zu der Sorte Männer, die in gesellschaftlichen Kreisen außerhalb ihres eigenen einen guten Eindruck machten. Also hatte man ihn widerwillig zum Inspector befördert und sich zugleich die Hände gerieben, dessen war er sich sicher, und hierher nach Bamford versetzt. Er hatte ihnen erspart, einen besseren Mann von seinen Pflichten woanders abzuziehen.

Es war ihm im Grunde genommen egal. Ihm gefiel es hier. Er fühlte sich wohl unter den Leuten sowohl in der Stadt als auch auf dem umgebenden Land. Es gefiel ihm, die Verantwortung in seinem eigenen kleinen Königreich zu tragen. Er verfügte über einen Sergeant und zwei Constables zu seiner Hilfe, von denen einer drüben beim Grab stand. Wie Wood waren sowohl der Sergeant als auch die Constables bodenständige, verlässliche Männer, die ebenfalls kein größerer Ruhm erwartete.

Nun hatte sich unerwartet eine Chance ergeben, vielleicht doch noch zu Ruhm und Ehren zu gelangen. Nicht, dass Wood sich gerne eingestand, dass er so dachte, doch falls es ihm gelänge, einen Gentleman wie Oakley am Schlafittchen zu packen …

Plötzlich wurde die Arbeit am Grab unterbrochen, was Woods Aufmerksamkeit in die Gegenwart zurückkehren ließ. Der Constable kam über Grabsteine und Fassungen herbeigehastet und salutierte.

»Wir haben den Sarg erreicht, Mr. Wood, Sir.«

»Sehr gut!«, sagte Wood erleichtert.

»Jetzt kann es nicht mehr lange dauern, Sir Herbert. Constable, schaffen Sie den Totengräber zum Sarg, zack-zack!« Der Totengräber jedoch rächte sich, indem er in majestätisch erhabenem Gang zum offenen Loch stolzierte und die Männer damit auf eine weitere Geduldsprobe stellte. Einer der Laternenträger senkte seine Lampe in das Loch. Der Totengräber beugte sich weit vornüber und nahm sich so viel Zeit, bevor er sein Urteil fällte, dass Wood bereits fürchtete, Sir Herbert würde ihn erneut mit geharnischten Worten antreiben. Doch bevor es so weit kommen konnte, wandte sich der Totengräber wieder ab und kehrte zu Wood und Sir Herbert zurück, noch immer im gleichen majestätischen Gang. Vielleicht konnte er nicht anders laufen.

»Ja«, sagte er mit verstopfter Nase.

»Daf ift der Farg, Gentlemen. Daf Namenffchild ift deutlich lefbar.« Er zerrte sein großes weißes Taschentuch hervor und schnäuzte sich herzhaft.

»Dann nur immer heraus damit!«, grollte Sir Herbert. Der Totengräber stopfte sein Taschentuch wieder weg und empfahl:

»Vielleicht wäre es keine schlechte Idee, Gentlemen, wenn Sie den Deckel für kurze Zeit anheben, solange wir hier draußen an der frischen Luft sind.« In diesem Augenblick schlug die Turmuhr sechs.

»Keine Zeit!«, schnappte Sir Herbert.

»Um unser aller Nasen willen …«, gab Wood zu bedenken.

»Oh. Also schön, meinetwegen«, lenkte Sir Herbert ein.

»Aber beeilen Sie sich, ja?«

»Jenkins!«, rief Wood dem Constable zu.

»Sobald der Sarg geöffnet und, äh, gelüftet ist, stellen Sie sicher, dass das Loch anständig mit Brettern abgedeckt wird! Wir wollen schließlich nicht, dass jemand hineinfällt. Und Sie bleiben besser als Wache hier. Wir wollen auch keine Trophäenjäger anlocken.«

»Jawohl, Sir«, sagte Constable Jenkins düster.

»Keine Sorge, Constable«, sagte Wood zu ihm.

»Ich schicke Ihnen Bishop zur Ablösung vorbei, sobald ich auf der Wache angekommen bin.« Constable Jenkins’ Gesichtsausdruck, im fahlen Morgenlicht nun zu erkennen, hellte sich keine Spur auf. Er interpretierte diese letzte Aussage seines Vorgesetzten offensichtlich als

»Sobald ich einen guten steifen Drink genommen habe«.

KAPITEL 4

»DU BIST SO STILL«, beobachtete Alan, als sie durch die Dunkelheit nach Hause fuhren.

»Es hat doch keinen Zweck, wenn du versuchst, in diesem Licht die Papiere zu lesen, die Geoffrey dir mitgegeben hat.«

»Ich konnte nicht widerstehen«, gestand Meredith.

»Ich musste einfach einen Blick in die Schachtel werfen.« Bedauernd klappte sie den Karton auf ihren Knien wieder zu. Die Scheinwerfer tanzten über die spiegelnden Glasflächen von Schaufenstern und in den Pfützen auf der Straße, die ein Regenschauer hinterlassen hatte. Nach der klaustrophobischen Hitze auf der Einweihungsparty der Painters tat die Kühle segensreich wohl.

»Ich fand es ziemlich heiß bei den beiden, du nicht?« Meredith wandte den Kopf und betrachtete Markby von der Seite.

»Ich dachte eigentlich, dass Dr. Fuller dein zuständiger Pathologe ist? Ich wusste gar nicht, dass du auch Geoffreys Dienste nutzt.«

»Fuller ist unser regulärer Pathologe und ein sehr guter obendrein«, sagte Markby.

»Allerdings ist er im Gegensatz zu Geoffrey kein Giftexperte. Wenn wir also – beziehungsweise Fuller in unserem Auftrag – irgendetwas in dieser Art haben, dann schicken wir es in der Regel zu Geoffreys Giftspezialisten. Er hat übrigens Recht mit seiner Feststellung, dass Giftmorde heutzutage seltener sind als früher einmal.« Eine Gruppe junger Leute war aus einem Pub geströmt, und nun liefen sie auf dem Bürgersteig durcheinander. Alan verlangsamte seine Fahrt, als er sie passierte. Drei Jugendliche hatten angefangen zu streiten, und andere wurden von dem Geschehen angezogen wie Eisenspäne von einem Magneten. Glücklicherweise kam just in diesem Augenblick ein Streifenwagen um die Ecke und parkte so am Straßenrand, dass die Insassen alles genau sehen konnten. Markby beschleunigte wieder und fuhr weiter. Meredith seufzte erleichtert auf, und er sah sie an.

»Entschuldige«, sagte er.

»Es ist der Polizist in mir. Ich kann nicht einfach von einem Schauplatz möglichen Ärgers weg, bevor ich nicht sicher bin, dass alles unter Kontrolle ist.«

»Ich hatte schon Angst«, erwiderte sie,»dass du aussteigen und die Sache selbst in die Hand nehmen könntest.«

»Wenn nötig, hätte ich das getan, ja. Als Polizist bin ich verpflichtet, etwas zu unternehmen, wenn gegen die geltenden Gesetze verstoßen wird, ob ich nun im Dienst bin oder nicht.«

»Dann ruf doch einfach Hilfe herbei. Du musst dich nicht ins Getümmel stürzen wie Superman und es ganz allein mit allen aufnehmen.« Er schwieg, und ihr wurde bewusst, dass ihre Kritik ihn verärgert hatte. Doch sie hatte ein Recht auf einen Standpunkt, und Herrgott noch mal, sie war schließlich mit ihm hier, und die Gefahr war nicht von der Hand zu weisen, dass sie mit in die Geschichte verwickelt wurde, ob sie nun wollte oder nicht. Die Jugendlichen hätten sich auf den Wagen stürzen können. Wie dem auch sein mochte, nach einer Weile drohte das Schweigen in jene störrische Atmosphäre überzugehen, die keiner von beiden durchbrechen wollte, daher unternahm sie den ersten Schritt.

»Ich hatte Angst, das ist alles«, sagte sie.

»Ich will nicht mit dir darüber streiten.« Sie spürte, wie er sich entspannte.

»Ich hätte nicht zugelassen, dass dir etwas geschieht.« Wie hättest du mich denn schützen wollen?, dachte sie. Gegen eine betrunkene Meute Halbstarker? Doch sie fragte nicht. Ich bin es gewöhnt, auf mich selbst aufzupassen, dachte sie weiter. Das ist wahrscheinlich das Dumme. Wäre ich allein gewesen, hätte ich die Situation gemieden und wäre weitergefahren. Hätte ich am Steuer gesessen, ich hätte Gas gegeben und wäre ohne anzuhalten vorbeigefahren. Aber ich bin in letzter Zeit nicht mehr allein, nicht, seit ich bei Alan eingezogen bin. Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen. Wir fangen wegen jeder Kleinigkeit an zu zanken. Das haben wir früher nicht getan. Wir haben uns auseinander gesetzt, ja, aber wir haben uns nicht gegenseitig aus dem Hinterhalt angeschossen. Und er hat nicht davon geredet, mich zu beschützen, verdammt noch mal! Was bin ich? Ein Schwachkopf? Wie als laterale Erweiterung dieses Gedankens hörte sie sich sagen:

»Geoffrey und seine Schwester zanken ziemlich viel, ist dir das auch aufgefallen? Er ist Mitte vierzig, wie du. Sie ist in den Dreißigern, wie ich. Steck die beiden zusammen, und sie scheinen sich zu zwei Vierjährigen zurückzuentwickeln.«

»Na und? Das ist doch nichts Ernstes«, sagte er ärgerlich.

»Laura ist meine Schwester, und wir zanken ebenfalls.« Noch während er sprach, waren sie vor seinem Haus angekommen, und der Wagen rollte langsam aus.

»Ja, das tut ihr«, räumte Meredith unwillig ein.

»Aber du und Laura, ihr liegt nicht so miteinander im Wettstreit wie die beiden Painters. Ich hätte wirklich geglaubt, dass sie in ihrem Alter daraus hinausgewachsen sind, das ist eigentlich alles.« Und bevor er erneut widersprechen konnte, fügte sie hinzu:

»Andererseits war ich ein Einzelkind – was weiß ich schon, wie das ist, wenn man Geschwister hat?« Sie betraten das Haus, und Alan schaltete die Beleuchtung der Eingangshalle ein. Er warf seinen Schlüsselbund auf den Telefontisch und fragte:

»Möchtest du wirklich immer noch nach einem neuen, gemeinsamen Haus mit mir suchen?« Er hatte jenen Blick in seinen blauen Augen, der sie immer in große Verlegenheit stürzte. Sie ärgerte sich darüber – schließlich war sie keine Verdächtige in einem seiner Fälle. Sie musste keine Entschuldigungen und Alibis suchen. Er wollte die Wahrheit hören, doch sie konnte ihm die Wahrheit nicht sagen, weil sie die Wahrheit selbst nicht kannte – und trotzdem fühlte sie sich gezwungen zu antworten.

»Was bringt dich auf den Gedanken, dass ich es nicht mehr will?«, flüchtete sie sich in eine Gegenfrage, während sie Geoffrey Painters Schachtel mit übertriebener Vorsicht absetzte und an Alan vorbei in die Küche ging.

»Ich habe nicht gesagt, dass ich an deiner Ernsthaftigkeit zweifle. Ich habe mich nur gefragt, warum du Juliet gebeten hast, einen Mieter für dein Haus zu finden und keinen Käufer.« Das also war es.

»Oh, ich verstehe!« Sie wandte sich zu ihm um.

»Hör mal, ich bin einfach nur praktisch, in Ordnung? Dieses Haus hier ist nicht für uns beide geeignet, und wenn wir zusammen wohnen wollen, brauchen wir ein anderes.«

»Das weiß ich. Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals mit irgendjemandem in diesem Haus hier wohnen würde. Ich habe es lediglich gekauft, weil ich einen Platz brauche, wo ich meine Sachen abstellen und schlafen kann.«

»Aber angenommen, Alan, nur angenommen, es funktioniert nicht? Ich mag es nicht, sämtliche Brücken hinter mir abzureißen, verstehst du? Es ist eine Art Rückversicherung, schätze ich. Der Gedanke, dass ich noch ein eigenes Haus habe, in das ich zur Not zurückkehren kann … sollte ich es je müssen. Wenn ich es vermieten kann, reicht das Geld, um die Hypothek damit zu bezahlen. Ich kann es später immer noch verkaufen, wenn wir sicher sind, dass es mit uns funktioniert, wie wir uns das vorgestellt haben.« Sie drehte ihm den Rücken zu und beugte sich über die Spüle, wo sie kaltes Wasser in den elektrischen Kocher laufen ließ, um Tee zu machen.

»Das alles bedeutet nicht, dass ich dich nicht liebe. Es sind eher Zweifel an mir selbst. Ich habe mehr als einmal versucht, dir das zu erklären.« Er trat hinter sie, legte die Arme um ihren Leib und küsste ihren Hals.

»Ich verstehe. Aber ich habe so verdammt lang gebraucht, um dich in mein Haus zu locken, dass ich mein Glück irgendwie immer noch nicht so recht fassen kann.«

»Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Vielleicht bereust du noch irgendwann den Augenblick, an dem ich deine Schwelle überquert habe.«

»Ganz bestimmt nicht«, widersprach er.

»Das würde ich niemals.« Sie drehte den Kopf nach hinten und lächelte ihn an. Sie hatten Frieden geschlossen. Er wollte genauso wenig weiterzanken wie sie. Und dennoch.

»Du wirst dich doch nicht wirklich durch diese Schachtel von Geoffrey wühlen wollen?«, fragte er, nachdem er seine Arme weggezogen hatte. Irgendetwas an seiner Stimme klang bevormundend. Ihre Nackenhaare richteten sich auf.

»Ganz bestimmt werde ich das! Ich interessiere mich für die Geschichte dieser Gegend.« Der Kessel war fertig.

»Tee oder Instant-Kaffee?«, fragte sie.

»Ich könnte auch Kakao machen, denke ich.«

»Erspar mir den Kakao«, murmelte Markby.

»Den hebe ich mir auf für die Zeit, wenn ich senil werde. Und die Geschichte dieser Gegend, ich werd verrückt! Das ist reine Neugier, weiter nichts!«

»Ist es nicht! Warum hast du etwas dagegen?« Es war, als hätte sie ihn gefragt:

»Was geht es dich an?« Sie würden doch wohl nicht wieder anfangen zu streiten, nicht wegen der Geschichte der Oakley-Familie?

»Ich interessiere mich für den menschlichen Aspekt dieser Sache«, sagte sie vorsichtig.

»William Oakley wurde angeklagt, seine Frau ermordet zu haben, eine Frau, die er bestimmt irgendwann einmal geliebt hat.«

»Meinst du?«, fragte Alan trocken.

»Cora Oakley war sehr reich. William hatte nichts außer einem Landbesitz, der von Schulden erdrückt wurde.«

»Dann muss wenigstens sie ihn geliebt haben.« Markby beobachtete sie, während sie sprach, ihr gerötetes Gesicht, die Art und Weise, wie sie seinen Blicken auswich. Irgendetwas bedrückte sie. Irgendetwas, das mit ihnen beiden zu tun hatte. Bitte, lieber Gott, betete er im Stillen, nicht schon wieder! Nicht so, wie es mit Rachel gewesen ist! Rachel und ich waren glücklich, als wir uns kennen gelernt haben, selbst in der ersten Zeit unserer Ehe waren wir noch glücklich. Natürlich, wir waren jung und naiv. Wir hätten es wissen müssen, noch bevor wir geheiratet haben. Rachel hat meine Arbeit gehasst. Sie wollte nie die Frau eines Polizisten sein. Sie hat meine Arbeit immer wie eine milde Form von Geisteskrankheit betrachtet, von der ich irgendwann genesen würde, mit der Zeit. Sie hat immer geglaubt, dass ich mir irgendwann eine andere Arbeit suchen würde. Irgendeine Arbeit mit jeder Menge Veranstaltungen, bei denen die Partner eingeladen sind, und Dienstreisen obendrein. Dinnerpartys und Bälle. Sein Schweigen auf ihre letzten Worte erweckte Merediths Aufmerksamkeit mehr als seine Bemerkungen. Sie blickte auf und fixierte ihn aus großen braunen Augen. Ihr Maskara war ein wenig verschmiert, bemerkte er. Die Beobachtung ließ eine so starke Emotion in ihm aufwallen, dass es körperlich schmerzte. Das ist Liebe, dachte er. Ein so machtvolles Gefühl, kein Wunder, dass die Menschen Angst davor haben. Sie hat Angst davor. Bin ich denn der sprichwörtliche Narr, der sich in Abenteuer stürzt, vor denen sogar die Engel zurückschrecken?

»Löst Liebe jedes Problem?«, fragte er gröber als beabsichtigt.

»Ich habe Männer und Frauen gekannt, die aus Liebe gemordet haben. Mord geschieht nicht immer nur aus Gier oder Hass, weißt du?« Sie blickte verblüfft auf angesichts der tiefen Gefühle in seiner Stimme. Eine weiteres verlegenes Schweigen senkte sich herab. Markby zuckte die Schultern.

»Es bedarf jedenfalls mehr als nur eines Motivs, um einen Mord zu begehen. Ich habe Männer mit genügend Gelegenheiten und Motiven getroffen, manchmal sogar mit einem Vorstrafenregister voller Gewalt. Ich habe nicht eine Sekunde daran gezweifelt, dass sie Mörder waren. Und sie haben gewusst, dass ich es gewusst habe. Und trotzdem haben sie mir in die Augen gesehen und beteuert, dass sie es nicht gewesen sind – und ich konnte ihnen das Gegenteil nicht beweisen. Und weißt du was? Sie waren im Recht. Ich konnte ihnen nichts beweisen, genauso, wie damals niemand beweisen konnte, dass William Oakley seine Frau ermordet hat. Er könnte es gewesen sein, ja. Aber du musst beweisen, dass er es auch wirklich war. Das ist etwas ganz anderes.« Sein Blick wurde geistesabwesend, als schweifte er in die Vergangenheit.

»Alle Polizisten hassen Fälle wie diesen«, sagte er leise.

»Manche werden regelrecht besessen von ihnen. Sie arbeiten jahrelang daran und zermartern sich die Köpfe in der Hoffnung, dass aus irgendeiner unerwarteten Ecke neue Beweise auftauchen oder dass der Täter irgendwann zu selbstsicher wird und sich selbst verrät. Manchmal passiert es tatsächlich, und wir kriegen ihn am Ende zu fassen, allerdings nicht, falls er bereits vor Gericht gestanden hat und freigesprochen wurde, nicht in diesem Fall. Dann steht er da und lacht uns aus. Ich kenne Beamte, die trotzdem weiter nach der Wahrheit gesucht haben, einfach weil sie wissen wollten, ob sie Recht hatten oder nicht, selbst wenn der Täter nicht mehr durch das Gesetz bestraft werden kann.«

»Wie unerbittlich du doch bist«, sagte Meredith ernst.

»Du gibst wohl niemals auf, wie?«

»Nein«, stimmte er ihr zu.

»Niemals.«

»Geoffrey?«, flüsterte Pamela Painter laut in die Dunkelheit. Ihr Mann regte sich im benachbarten Bett.

»Was denn?«, murmelte er.

»Was glaubst du, wie ist es heute Abend gelaufen?« Sie sah, wie er sich unter der Bettdecke umdrehte.

»Alles in bester Ordnung. Worüber zerbrichst du dir den Kopf?«

»Ich zerbreche mir nicht den Kopf wegen der Party, Herrgott noch mal! Ich meinte Juliet … und Pater James Holland!« Die Federn des anderen Bettes knarrten alarmierend, als Geoffrey Painter sich ruckhaft aufsetzte.

»Gütiger Gott, Pam, misch dich bloß nicht ein! Ich kenne meine Schwester. Sie würde an die Decke gehen, wenn sie das Gefühl hätte, du würdest sie verkuppeln wollen.«

»Das tue ich doch gar nicht!«, sagte Pamela indigniert.

»Die beiden kennen sich seit Jahren. Sie sind miteinander befreundet. Sie sind beide allein stehend …«

»Das ist eine lausige Logik, Pam. Als würdest du sagen, Bücklinge sind lecker, und Schaumgebäck ist ebenfalls lecker. Bücklinge mit Schaumgebäck obendrauf müssen deshalb köstlich schmecken!«, grollte er. Sie ließ sich seufzend in die Kissen zurücksinken.

»Ich hatte es besser wissen müssen. Wieso frage ich dich auch?« Nach einem Augenblick des Schweigens fuhr sie fort:

»Was Juliet über die beiden Oakley-Schwestern erzählt hat, dass sie ihr Haus verkaufen und wegziehen wollen – es muss furchtbar für sie sein. Sie wurden beide dort geboren. Damaris muss inzwischen zweiundachtzig sein und Florence achtzig oder so, schätze ich. Was wird aus den ganzen Sachen, die auf Fourways zurückbleiben?«

»Sie werden versteigert, schätze ich. Das machen Auktionatoren für sie.«

»So einfach ist das nicht. Was ist mit den Familienerbstücken? Dingen wie dem Porträt von diesem Gottlosen William, von dem Juliet erzählt hat? Alles in diesem Haus muss voller Erinnerungen für die beiden sein. Diese Dinge zu verkaufen muss sich anfühlen, als würden sie Teile von sich selbst hergeben. Als würden sie ihr Leben verkaufen.«

»Ich weiß, was du meinst«, sagte Geoffrey nach einem Augenblick des Nachdenkens.

»Wahrscheinlich hast du Recht. Andererseits haben weder du noch ich dieses Alter erreicht. Wir wissen nicht, was sie denken. Vielleicht sind sie bereit, mit der Vergangenheit abzuschließen. Vielleicht wollen sie endlich alles loswerden. Es könnte doch sein, dass sie all dieses alte Mobiliar und was weiß ich nicht alles nicht als Erinnerungsstücke sehen, sondern als Belastung, als eine Verantwortung, die sie endlich los sein wollen. Rede doch mit Juliet, wenn du dir Sorgen deswegen machst. Andererseits hat sie vielleicht selbst schon daran gedacht.« Geoffrey klopfte sein Kissen in Form und legte sich wieder hin.

»Meine Schwester ist verdammt effizient. Ich schätze, sie könnte sogar dich in dieser Hinsicht herausfordern, Pam – obwohl nicht mal sie auf den Gedanken käme, das Liebesleben anderer Leute zu arrangieren und zu ordnen. Du spielst da wirklich mit dem Feuer!«

»Manchmal, Geoff«, erwiderte sie ungehalten,»manchmal redest du wirklich Unsinn, weißt du das? Ach, übrigens – ich habe gesehen, wie du Meredith diese Schachtel mitgegeben hast.«

»Na und?«, murmelte er trotzig.

»Sie interessiert sich halt dafür.«

»Wie kann jemand nur so besessen von etwas sein, das vor so langer Zeit passiert ist?«, fragte sie und wiederholte unwissentlich Alan Markbys Worte.

»Das spielt doch heute alles längst keine Rolle mehr!« Bevor er eine Antwort darauf geben konnte, schnappte sie:

»Ach, leg dich einfach schlafen.«

»Ich habe bereits geschlafen …«, murmelte Geoffrey aus dem anderen Bett.

Auf der anderen Seite der Stadt schlief Alan Markby tief und fest. Meredith schlüpfte leise aus dem Bett und in ihren Morgenmantel. Unten angekommen, nahm sie Geoffrey Painters Schachtel und trug sie in die Küche. Sie fühlte sich wie ein kleines Mädchen, das mitten in der Nacht den Kühlschrank ausplündert. Sie setzte sich an den Tisch und entknotete voll aufgeregter Erwartung die Schnur um die Schachtel. Nachdem sie den Deckel abgenommen hatte, fand sie ein Gewirr von Papieren im Innern: fotokopierte Zeitungsausschnitte, Bündel mit Verhandlungsprotokollen, die jemand handschriftlich geführt hatte, und am Boden der Schachtel, zusammengehalten von einem Gummiband, eine Reihe von Notizbüchern, die aussahen wie die, mit denen Reporter herumliefen. Auf dem obersten der Notizbücher stand in der gleichen Handschrift, die auch die Mitschriften verfasst hatte, der Name Stanley Huxtable.

»Was ist denn das?«, murmelte Meredith.

»Geoffrey muss vergessen haben, dass sie hier drinlagen; er hätte sie bestimmt nicht aus der Hand gegeben!« Weitere, jüngere Notizen waren mit Kugelschreiber verfasst – in Geoffreys Handschrift. Meredith breitete alles auf dem Tisch vor sich aus, während sie überlegte, wo sie anfangen sollte.

KAPITEL 5

ES STAND nicht zu erwarten, dass William Oakley die Wiederaufnahme der Ermittlungen bezüglich des Todes seiner Ehefrau begrüßen würde. Inspector Jonathan Wood wanderte langsam die Auffahrt von Fourways House hinauf, während er sinnierte, dass Oakley der Tatsache einer erneuten Befragung wahrscheinlich noch weniger geneigt gegenüberstehen würde.

Neben Wood ging Sergeant Patterson, ein stämmig gebauter Mann mit rötlichem Teint. Wood wusste auch ohne hinzusehen, dass Patterson beeindruckt war von dem Anwesen der Oakleys. Ihm persönlich gefiel der gotische Stil weniger, der ihn sein ganzes Leben hindurch begleitet hatte. Er bevorzugte die alten palladianischen Formen aus den Tagen seiner Großeltern. Sie kamen seinem Gefühl für Gleichgewicht und Geradlinigkeit entgegen. Sieh sich einer dieses Haus an, dachte er widerwillig. Diese spitzwinkligen Fenster passen vielleicht in eine Kirche, aber nicht in ein privates Wohnhaus, und sei es noch so herrschaftlich. Und dieser Witz von einem Turm dort oben – was hatte sich der Architekt nur dabei gedacht?

»Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter«, sagte er unklugerweise laut vor sich hin.

»Verzeihung, Sir?«, fragte Sergeant Patterson vorsichtig.

»Erinnern Sie sich nicht an Die Geschichten der Gebrüder Grimm, Sergeant?«

»Nein, Sir, kann nicht sagen, dass ich das täte.« Patterson legte die Stirn in angestrengte Falten.

»Hänsel und Gretel«, sagte er unsicher. Man konnte eben nicht alles haben. Wood erbarmte sich seines Untergebenen und erzählte ihm, was es mit dem Turm auf sich hatte.

»Oh, das, Sir«, sagte Patterson, und seine Miene hellte sich sichtlich auf.

»Sehr schick, wirklich. Das ganze Haus ist atemberaubend. Sehr schön. Wunderschön, Sir.« Wood war plötzlich verärgert.

»Schön oder nicht, Patterson, wir sind nicht gekommen, um uns an die Stirn zu fassen und mit einem Kratzfuß zu verneigen, haben Sie verstanden? Oakley mag ein Gentleman sein oder nicht – für das Gesetz spielt das keine Rolle.«

»Jawohl, Sir«, sagte Patterson, doch Wood sah ihm an, dass er seine Zweifel hatte. Die Tür wurde von einem Mädchen geöffnet in einer gestärkten Haube mit Bändern und einer so makellos sauberen, glatt gebügelten Schürze, dass sie aussah wie aus Kristallzucker.

»Ja?«, erkundigte sie sich keck. Ein einziger Blick auf die beiden Fremden hatte ihr verraten, dass es keine Gentlemen waren, die dort standen. Ihr Gesichtsausdruck schien zu sagen, dass Wood und sein Begleiter zum Dienstboteneingang hätten gehen sollen. Wood, der spürte, wie verlegen der Sergeant neben ihm wurde, meldete sich laut zu Wort.

»Ich bin Inspector Wood von der Bamford Police Station. Ich bin gekommen, um mit Ihrem Herrn zu sprechen.« Die Magd änderte sofort ihr Verhalten. Sie war plötzlich von unersättlicher Neugier gepackt, nun, nachdem sie die Identität des Besuchers kannte.

»Er ist hier, werte Herren, doch er ist draußen bei den Ställen. Ich glaube, sein Pferd lahmt. Er wartet auf den Tierarzt.«

»Nun, dann können wir uns ja mit ihm unterhalten, während er wartet«, sagte Wood.

»Gehen Sie und holen Sie ihn, seien Sie so lieb.« Sie warf den Kopf in den Nacken.

»Bitte sehr, die Herrschaften. Möchten Sie so lange hereinkommen und im Haus warten?« Sie traten über die Schwelle. Patterson blickte sich suchend nach einer Fußmatte um, an der er seine Stiefel abtreten konnte. Als er lediglich einen kostspieligen türkischen Teppich entdecken konnte, wuchs sein sichtliches Unbehagen noch weiter.

»Ich nehme Ihre Hüte, werte Herren«, sagte die Magd. Sie nahm die Bowlerhüte entgegen, als wären sie ansteckend, legte sie auf einem großen Tisch an der Wand ab und führte den Inspector und seinen Begleiter in einen kleinen Salon, der mit Sesseln ausstaffiert war. Wood vermutete, dass es irgendwo im Erdgeschoss auch noch einen weit größeren, üppiger eingerichteten Salon gab, doch die Herrschaften von der Polizei waren seiner für nicht würdig befunden worden. Patterson war inzwischen so überwältigt, dass er angefangen hatte zu schwitzen.

»Haben Sie Ihr Notizbuch dabei, Sergeant?«, fragte Wood grob.

»Dann machen Sie sich bereit, alles aufzuschreiben. Und versuchen Sie diesmal, die Worte richtig zu buchstabieren.« Sie warteten acht Minuten, nach der mit Malergold überzogenen Uhr auf dem Kaminsims, bevor William Oakley erschien. Er stieß die Tür auf und marschierte herein, sein ganzes Verhalten war aggressiv, und er starrte Wood und Patterson wortlos an. Er trug Reitkleidung, Reithosen und Stiefel, doch keinen Rock dazu, sondern lediglich Hemdsärmel und eine Weste. Er musste seinen Reitrock ausgezogen haben, als er sein Pferd untersucht hatte. Interessiert stellte Wood fest, dass Oakley, nachdem er vernommen hatte, wer seine Besucher im kleinen Salon waren, die Ställe so hastig verlassen hatte, dass ihm völlig entgangen war, den Rock vorher anzuziehen.

»Ich kann mir denken, warum Sie hier sind«, begann er streitlustig und ohne weitere Umschweife.

»Sie kommen als Resultat des schändlichen Geredes, das diese undankbare Person Button über mich verbreitet.« Er war ein gut aussehender Mann, fand Wood. Dunkles lockiges Haar und ein üppiger Schnurrbart von der Art, wie Wood ihn sich selbst einmal hatte wachsen lassen wollen. Er hatte den Versuch angesichts des Grinsens seiner Tochter rasch wieder aufgegeben. Oakleys Gesicht war gerötet. Er war gut gebaut, muskulöse Beine, die sich unter dem Material der Reithosen abzeichneten, und groß. O ja, Mr. Oakley war zweifelsohne ein Frauenschwarm.

»Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, wenn ich Ihnen ein paar Fragen stelle«, begann Wood vorsichtig.

»Selbstverständlich habe ich etwas dagegen, wie Sie sich sehr wohl denken können! Doch ich schätze, wir bringen es besser hinter uns. Setzen Sie sich, Mann. Und Sie«, fügte er an Pattersons Adresse gewandt hinzu,»Sie werden wahrscheinlich alles aufschreiben, was ich sage, habe ich Recht?«

»Jawohl, Sir«, ächzte der arme Patterson.

»Falls es Ihnen recht ist, heißt das, Sir.« Wood funkelte seinen Beamten an. Oakley machte sich nicht die Mühe einer Antwort. Er warf sich in den nächsten Sessel.

»Dann schießen Sie mal los. Nur zu, ich habe nichts zu verbergen!«, polterte er.

»Vielleicht können wir bei dem Tag anfangen, an dem Ihre Frau starb?« Wood legte die Hand vor den Mund und räusperte sich.

»Ein schmerzliches Thema, ich weiß, und es tut mir Leid, dass ich erneut darauf zu sprechen kommen muss, Mr. Oakley.«

»Tatsächlich?« Oakley lachte spöttisch auf.

»Mich halten Sie nicht zum Narren! Was soll schon sein mit jenem Tag? Außerdem ist sie nicht tagsüber, sondern während der Nacht gestorben, gegen elf Uhr.«

»Jawohl, Sir, das ist mir durchaus bewusst. Doch ich meinte tatsächlich den Nachmittag. Wenn ich recht informiert bin, sind Sie nach Bamford geritten und haben die Apotheke von Mr. Baxter besucht.«

»Na und? All das wurde bereits bei der Gerichtsverhandlung im Anschluss an den Tod meiner Frau durchgekaut. Sie litt unter starken Schmerzen wegen eines gezogenen Zahns. Dr. Perkins hatte ihr zur Linderung Laudanum verschrieben, und das hat er auch vor Gericht bestätigt. Ich habe das Medikament in Baxters Apotheke abgeholt.« Patterson schrieb eifrig mit und atmete dabei angestrengt durch den Mund, wie er es stets tat, wenn er sich konzentrierte.

»Hatten Sie und Ihre Frau eine gute Beziehung, Sir?« Wood bemerkte das Glitzern in Oakleys Augen.

»Das ist eine verdammt unverschämte Frage! Doch um sie zu beantworten – ja, wir hatten eine sehr gute Beziehung, danke sehr.« Oakley stockte, dann zuckte er die Schultern.

»Wir hatten von Zeit zu Zeit ein paar Differenzen, wie es bei verheirateten Paaren nun einmal vorkommt, doch im Grunde genommen handelte es sich nur um triviale Dinge. Kleinigkeiten.« Er fixierte Wood mit einem direkten, kalten Blick.

»Ich hatte nicht den geringsten Grund, den Tod meiner Frau herbeizuwünschen. Abgesehen von allem anderen hatten wir – habe ich einen jungen Sohn! Würde ich meinem Sohn die Mutter rauben?« Wood antwortete nicht darauf. Stattdessen fuhr er in seinem neutralsten Tonfall fort:

»Ihre Frau war sehr wohlhabend, wenn ich recht informiert bin?«

»Sie besaß ein einigermaßen anständiges Vermögen, ja.« Wood schürzte die Lippen.

»Wie ich gehört habe, besaß sie ein beträchtliches Vermögen, Sir. Ein sehr ansehnliches Einkommen aus Anteilen an den verschiedensten Manufakturen, einige davon oben im Norden, Wollhandel und so weiter. Ich glaube, sie besaß auch eine Gesellschaft in London – London Chemicals heißt sie, glaube ich.«

»Spielen Sie nicht den Narren, Inspector«, sagte Oakley sarkastisch.

»Sie wissen sehr genau, wie die Gesellschaft in London heißt. Sie waren selbst dort – man hat es mir telegrafiert. Sie haben Fragen über meinen letzten Besuch dort gestellt.«

»Der einen Monat vor dem Tod Ihrer Frau stattfand«, sagte Wood.

»Sie haben die Geschäftsangelegenheiten Ihrer Frau verwaltet.« Es war eigentlich keine Frage, doch Oakley beantwortete sie trotzdem.

»Selbstverständlich habe ich das! Meine Frau war schließlich eine verheiratete Dame und hatte einen Haushalt zu beaufsichtigen! Man kann doch wohl kaum erwarten, dass sie auch noch durch schmutzige Fabriken rennt, um Fragen bezüglich Gewinn und Verlust zu stellen? Außerdem war sie erst achtzehn, als wir geheiratet haben. Zu Ihrer Information, ich habe sämtliche Manufakturen, in denen ihr Geld steckte, mehr oder weniger regelmäßig besucht. Wenn niemand ein Auge auf die Dinge hat, dann laufen sie ganz schnell aus dem Ruder.« Zu wahr, dachte Wood. Nur allzu wahr. Und ich habe ein Auge auf dich. Laut sagte er:

»Sie sind in Spielerkreisen wohl bekannt, Mr. Oakley.«

»Ich weiß nicht, wer Ihnen das erzählt hat.« Oakley hielt inne, als erwartete er tatsächlich eine Antwort auf seine Frage. Als Wood jedoch schwieg, fügte er hinzu:

»Na und?«

»Haben Sie Spielschulden?« Schweigen.

»Sie sind ein impertinenter Kerl«, sagte Oakley schließlich tonlos.

»Ich halte Ihnen zugute, dass Sie nur Ihre Arbeit tun. Ich habe Schulden in dem Maße, wie jeder Gentleman sie hin und wieder hat, Inspector. Ich achte sehr darauf, sie stets rechtzeitig zu begleichen. Sie können gerne herumfragen, jeder wird es Ihnen bestätigen.« Er beugte sich so unvermittelt vor, dass Patterson zusammenzuckte und fast seinen Stift hätte fallen lassen.

»Ich weiß, was Sie andeuten wollen, und ich kann Ihnen nur sagen, es ist mir herzlich egal! Ich habe das Geld meiner Frau nie in irgendeiner Weise veruntreut!« Er lehnte sich wieder zurück. Ein wenig gelassener fügte er hinzu:

»Und Sie können das Gegenteil nicht beweisen.« Nein, kann ich nicht, dachte Wood und spürte einen kurzen Anflug von Besorgnis. Das Home Office hatte nicht gewollt, dass dieser Fall wieder aufgerollt wurde. Ohne die hochgestellten Freunde von Oakleys Schwiegervater wäre das Verfahren sicherlich auch nicht wieder eröffnet worden. Wood zog sich auf sichereren Boden zurück.

»Wenn wir noch einmal kurz über Ihren Besuch in der London Chemicals Manufaktur sprechen könnten. Sie haben durchaus Recht, Mr. Oakley, ich war dort. Die Manufaktur stellt alle möglichen Produkte her. Ich war sehr beeindruckt. Häusliche Dinge, Dinge für den Gartenbau, für die Landwirtschaft … übrigens auch Rattengift.«

»Die Nachfrage ist anscheinend groß«, erwiderte Oakley trocken.

»Der größte Teil aller Rattengifte basiert auf Arsen«, fuhr Wood im Plauderton fort.

»Ich habe mein Arsen früher meist direkt bei Baxter in der Apotheke gekauft, meinen Namen in das Giftbuch geschrieben und das Gift dann ausgelegt. Nicht, dass wir heute noch Ratten im Haus hätten – höchstens hin und wieder mal eine Maus. Eine gewöhnliche Falle mit einem Stück Käse als Köder reicht in meinem Fall völlig aus.« Oakley blickte sein Gegenüber an, als würde er den Inspector am liebsten mit Tritten zur Vordertür hinausbefördern. Seine Hände, die auf den geschnitzten Armlehnen des Sessels lagen, zitterten und zuckten. Vielleicht war es letzten Endes doch eine gute Idee gewesen, Patterson mitzunehmen. Oakley würde es sich zweimal überlegen, bevor er in Gegenwart des kräftigen Sergeants einen körperlichen Streit vom Zaun brach.

»Wussten Sie eigentlich, Sir, dass während der Herstellung von Arsen in käuflicher Form ein höchst toxischer Dampf entsteht?«

»Ich glaube schon. Ich bin kein Chemiker.« Oakley hielt seine Emotionen fest im Zaum, doch seine Stimme verriet die Anspannung, unter der er stand.

»Aber Sie haben den Herstellungsprozess gesehen? Während Ihrer Besuche in der Manufaktur?« Wood blickte Oakley mit erhobenen Augenbrauen an.

»Schon möglich. Ich kann mich nicht genau erinnern.«

»Dann wissen Sie wohl auch, dass dieser Dampf einen starken Geruch verströmt, Knoblauch ganz ähnlich. Kein Gewürz übrigens, das mir besonders mundet«, fügte Wood hinzu.

»Ich mag kein ausländisches Essen.«

»Sie wollen doch wohl nicht andeuten«, erwiderte Oakley trocken,»dass ich während meiner Besuche in der Manufaktur diesen toxischen Dämpfen ausgesetzt war? Ich habe keine Ahnung, wie es riecht. Jedenfalls hatte ich keine, bevor Sie es mir verraten haben.«

»Tatsächlich?«, entgegnete Wood.

»Kommen wir noch einmal auf die Nacht des Todes Ihrer Frau zurück. Könnten Sie mir den Ablauf der Ereignisse schildern?«

»Ich kann mir nicht vorstellen, warum das nötig wäre. All das wurde bereits bei der ersten Gerichtsverhandlung erörtert. Aber wenn Sie meinen …« Oakley runzelte die Stirn und legte die Fingerspitzen zusammen.

»Ich brachte meiner Frau das Laudanum und einen Krug mit Wasser auf ihr Zimmer. Ich bot ihr an, das Medikament für sie zu mischen, doch sie erwiderte, dass sie es selbst tun wollte. Neben ihrem Bett brannte eine Nachttischlampe, damit sie etwas sehen konnte. Ich sagte ihr Gute Nacht. Dann ging ich nach unten, wo ich allein zu Abend aß. Ich rauchte eine Zigarre in der Bibliothek und las die Zeitung. Hernach ging ich selbst zu Bett.«

»Haben Sie noch einmal nach Mrs. Oakley geschaut, wie es ihr ging?«, fragte Wood neugierig.

»Nein«, sagte Oakley ganz leise.

»Glauben Sie nicht, dass ich es nicht selbst am meisten bedaure? Ich nahm an, dass sie schlief. Ich wollte sie nicht stören. Ich hatte keine Ahnung, dass irgendwas nicht in Ordnung war, bevor Button mich weckte, irgendwann zwischen Viertel nach elf und Mitternacht. Fragen Sie mich nicht nach einer genaueren Zeit, ich kann sie Ihnen nicht sagen. Ich hatte andere Dinge im Kopf als die Uhrzeit, glauben Sie mir! Miss Button war sehr aufgelöst und berichtete mir, dass es einen schrecklichen Unfall gegeben hätte. Ich rannte sofort zum Zimmer meiner Frau. Ich fand sie dort am Boden, und sie hatte starke Verbrennungen erlitten. Offensichtlich hatte ihr Morgenmantel Feuer gefangen, als sie aufstehen wollte. Ich sandte augenblicklich den Stallburschen nach dem Doktor aus, doch der Arzt konnte Cora nicht mehr helfen. Sie war bereits tot, als er auf Fourways House eintraf.« Oakley verstummte, und Schweigen breitete sich aus, lediglich durchbrochen vom Ticken der vergoldeten Uhr auf dem Kaminsims und dem Rascheln der Blätter von Pattersons Notizbuch.

»Ich glaube, die Tragödie hat sich ereignet, weil meine Frau mit Laudanum betäubt war und ihre Bewegungen nicht unter Kontrolle hatte«, sagte Oakley sehr langsam und deutlich.

»Das war übrigens auch die Meinung von Dr. Perkins und dem Coroner. Jeder, der anders lautende Gerüchte in die Welt gesetzt hat, wird sich dafür verantworten müssen.«

»Die Haushälterin, Mrs. Button«, erwiderte Wood genauso langsam und deutlich.

»Sie hat in jener Nacht sehr viel Mut und Initiative bewiesen. Sie hat die Flammen mit einer Decke aus dem Bett erstickt. Und trotzdem haben Sie Mrs. Button keine zwei Wochen nach dem Tod Ihrer Frau entlassen.«

»Ja.« Oakleys Stimme klang kalt. Als er sah, dass Wood auf eine Erklärung wartete, fuhr er zögernd fort.

»Es hat mich nervös gemacht, sie im Haus zu sehen. Ich … sie hat mich ständig daran erinnert, was … Ich hatte das Gefühl, als könnte ich sie nicht länger unter meinem Dach ertragen. Ich schrieb ihr ein exzellentes Zeugnis und fand sie mit einem vollen Monatslohn ab. Sie hat es mir mit schändlichen Lügen gedankt.« Oakley erhob sich aus dem Sessel.

»Und nun wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mein Haus wieder verlassen würden. Ich erwarte jeden Augenblick den Tierarzt. Ich habe nicht die Absicht, noch mehr von Ihren einfältigen Fragen zu beantworten.« Hier war heute nichts mehr zu gewinnen. Wood und Patterson verabschiedeten sich und gingen. Patterson war unübersehbar erleichtert, endlich aus dem Haus zu sein. Auf dem Weg zur Straße hinunter hörten sie Kinderlachen. Ein kleiner Junge, vielleicht vier Jahre alt, sprang aus einem Gebüsch und rannte auf die beiden Männer zu. Als er die Fremden erblickte, blieb er stehen.

»Master Edward, kommen Sie sofort hierher zurück!« Eine junge Frau brach aus dem Gebüsch. Ihre Uniform verriet Wood, dass sie das Kindermädchen war. Sie war bemerkenswert hübsch, mit geröteten, erhitzten Wangen und vollkommenen Zähnen hinter den leicht geöffneten vollen Lippen. Als sie Wood und Patterson bemerkte, stockte auch sie, genau wie vor ihr der Knabe, und genau wie der Knabe zeigte sie mehr Neugier als Erschrecken. Trotzdem machte Wood sich nichts vor. Sie hatte sicher keine Schwierigkeiten zu erkennen, aus welchem Anlass die Männer gekommen waren. Ironisch dachte er, dass es ihre Haltung nicht eine Sekunde lang ins Schwanken brachte, nicht einmal ihre Augen zuckten. Das ist vielleicht eine kecke kleine Madam, kein Zweifel!, dachte Wood.

»Guten Tag, Gentlemen«, begrüßte sie die beiden Polizisten und schenkte ihnen ein angenehmes Lächeln. Dann ging sie zu dem Knaben und nahm ihn hoch.

»Entschuldigen Sie, Master Edward, aber es ist Zeit für den Tee.« Sie trug den Jungen in Richtung Haus. Aus dem Netz geschlüpft, bevor Wood ihr auch nur eine einzige Frage hatte stellen können. Er spürte eine Mischung aus Ärger und Bewunderung. Patterson, der sich aufgerichtet hatte, als ihr hübsches Lächeln auf ihn gefallen war, entspannte sich nun wieder und blickte ein wenig sehnsüchtig drein.

»Daisy Joss«, murmelte Wood.

»Was, diese nette junge Person?«, fragte Patterson ehrlich schockiert.

»Genau, Mr. Patterson. Diese nette junge Person!«, schnappte Wood.

»Und es wäre wahrscheinlich klüger von Mr. Oakley gewesen, wenn er sie entlassen hätte statt Mrs. Button.«

KAPITEL 6

AM FOLGENDEN Montagabend stand Meredith auf dem Bahnsteig von Paddington, während sie auf den Zug nach Hause wartete. Es war ein anstrengender Tag gewesen, und der Hauptgrund für ihren Stress hörte auf den Namen Adrian. Meredith besaß ein großes Büro, doch sie musste es sich mit jemand anders teilen. Es gab jede Menge Platz, und die Schreibtische standen in gegenüberliegenden Ecken. Bis jetzt hatte das Arrangement stets einigermaßen funktioniert. Gerald hatte an dem zweiten Schreibtisch gesessen. Doch Gerald war versetzt worden, und Adrian war an seine Stelle gekommen. Meredith hätte nie gedacht, dass sie Gerald sehr vermissen würde, seine Vorliebe für Klatsch, die Hingabe, mit der er die Erzeugnisse der Boulevardpresse verschlang, seine Schublade voll mit Marsriegeln, anderen Süßigkeiten und leckeren Snacks. Adrian war aus ganz anderem Holz geschnitzt. Auf der Haben-Seite war er jung, groß gewachsen, gut gebaut und im Besitz eines erstklassigen Universitätsabschlusses. Auf der negativen Seite besaß er eine Gesichtsfarbe so rot wie eine frisch gekochte Garnele, rötlichblondes Haar, ein fliehendes Kinn und eine Vorliebe für hellblaue Hemden und italienische Anzüge. In römischen Zeiten hatten bestimmte Sorten von verurteilten Kriminellen ein Kainszeichen auf der Stirn getragen, ein Brandmal, das andere warnen sollte. Merediths Meinung nach hätte Adrian nach dieser Tradition

»Ehrgeiz« als charakterisierendstes Merkmal gut gestanden. Sie hatte schnell herausgefunden, dass er ein heimlicher Lauscher war, ein Mann, der es vorzugsweise mit beiden Seiten hielt, der sich nie festlegte und stets ein Hintertürchen offen hatte. Er suchte gezielt die Bekanntschaft zu denjenigen, die ihm in beruflicher Hinsicht von Nutzen sein konnten, und er behandelte jene mit Gleichgültigkeit, für die dies nicht galt. Und Meredith, so hatte er offensichtlich entschieden, gehörte zur zweiten Kategorie. Sie war ohne jeden Nutzen bei seinem Streben nach Macht und Einfluss. Als Resultat war sein Benehmen ihr gegenüber bestenfalls abfällig, schlechtestenfalls ungehobelt. Sie hatte außerdem Grund zu der Annahme, dass er durch den Inhalt ihrer Aktenein- und -ausgänge schnüffelte, wenn sie nicht im Büro war. Geralds Neugier war unersättlich gewesen, doch von der harmlosen, gutmütigen Art. Adrians Neugier war zielgerichtet. Er wollte etwas über sie in die Hand bekommen, etwas, das er benutzen konnte, falls es nötig wurde. Es lag in seiner Natur. Er hatte die Instinkte eines Erpressers, und er war der Typ Mensch, der sich am Unbehagen anderer weidete. Meredith musste auf der Hut sein. Die übliche Pendlerschar lief im Bahnhof umher. Menschen standen einzeln oder in Gruppen, Styroporbecher mit heißen Getränken in den Händen, die Augen unverwandt auf die automatische Tafel mit den Abfahrtszeiten gerichtet. Um diese Zeit am Abend füllten sich die Züge rasch, und wenn man nicht die Hälfte der Zeit im Zug stehen wollte, musste man in dem Augenblick, in dem die Bahnsteignummer auf dem Schirm aufleuchtete, lossprinten wie ein Windhund, sobald die Klappe zurücksprang. Was brachte sie dazu, sich unter diesen Umständen einen einzelnen Mann in der Menge herauszusuchen? Meredith hatte keine Ahnung, warum ausgerechnet ihn. Er stand ganz in der Nähe, nur ein paar Meter entfernt, und obwohl er ihr den Rücken zugewandt hielt, schätzte sie, dass er jung war. Seine Statur war kompakt und muskulös. Er trug Jeans und ein graues T-Shirt mit dunklen Schweißflecken unter den Achseln. Zu seinen Füßen lag ein großer Rucksack, an dem noch der Aufkleber einer Fluggesellschaft befestigt war. Meredith fiel auf, dass er unverwandt auf die Anzeigetafel schräg über ihm starrte, als wäre er nicht nur unsicher, welchen Bahnsteig er letztendlich nehmen müsste, sondern auch, ob der Zug überhaupt existierte. Von wo mag er wohl herkommen?, sinnierte sie. Ist er auf dem Hin- oder auf dem Rückweg? Als hätte er bemerkt, dass er beobachtet wurde – wie wir alle manchmal bemerken, wenn wir beobachtet werden –, wandte er nun den Kopf, und sie spürte, wie seine Blicke sie abschätzten, bevor sie hastig die Augen abwenden und so tun konnte, als konzentrierte sie sich auf etwas anderes. Sie hatte einen flüchtigen Eindruck von ungewöhnlichen, doch attraktiven Gesichtszügen, außergewöhnlich großen dunklen Augen und einem kleinen Mund mit geschwungenen Lippen. Ein Gefühl von Unruhe breitete sich in ihr aus, doch sie führte es darauf zurück, dass er sie beim Spionieren überrascht hatte. Dann leuchtete die Bahnsteignummer auf der Tafel auf, und die Menge setzte sich wie eine Herde aufgeschreckter Rinder in Bewegung. Alles strömte auf die Tore zu. Meredith rannte mit den anderen, bahnte sich mit wohlgezielt eingesetztem Aktenkoffer ihren Weg und ließ sich schließlich atemlos und triumphierend auf einen freien Sitzplatz am Fenster sinken. Die übrigen Passagiere drängten und drückten in den Waggon, bis auch der letzte Sitzplatz eingenommen war und die Verlierer missmutig herumstanden, während sie darauf warteten, dass die ersten Pendler wieder ausstiegen und ihren Platz freimachten. Erst dann wurde ihr bewusst, dass der junge Mann ihr direkt gegenübersaß. Er hatte seinen Rucksack zwischen den Sitzen verstaut, und als der Zug aus dem Bahnhof fuhr, blickte er gespannt aus dem Fenster. Es war offenkundig, dass er alles zum ersten Mal sah. Meredith, die genauso neugierig auf seine Person war wie er auf die Welt draußen vor den Fenstern, durch die der Zug langsam schaukelte, nutzte ihre Gelegenheit, um ihn weiter in Augenschein zu nehmen, statt sich wie üblich auf das Kreuzworträtsel in ihrem Evening Standard zu konzentrieren. Sie schätzte ihn auf Ende zwanzig, Anfang dreißig; es war schwer genau zu sagen. Seine Haut war sonnengebräunt, als würde er viel Zeit draußen verbringen. Seine Haare waren dunkel und lockig und wiesen an den Schläfen bereits ein frühes Grau auf. Auf den nackten Unterarmen wuchsen feine schwarze Härchen, genau wie auf den Rücken seiner verschränkten Hände. Sein Gesicht war oval. Er besaß eine lange, gerade, breite Nase und die großen dunklen Augen, die Meredith bereits vorhin aufgefallen waren. Ein klassisch mittelalterliches Gesicht, dachte Meredith, das aussah, als sei es auf direktem Weg einem Kirchenfresko entsprungen – doch ob es nun einem Sünder oder einem Heiligen gehörte, vermochte sie nicht zu sagen. Dann, ohne Vorwarnung, wandte er den Kopf und blickte Meredith direkt in die Augen. Er lächelte.

»Dieser Zug ist ziemlich voll«, stellte er fest. Sein Akzent war nicht zu überhören, doch seine Stimme klang angenehm und freundlich. Jegliche Sorge bezüglich seiner Reise, die er auf dem Bahnsteig noch gezeigt hatte, schien nun verschwunden. Er saß entspannt auf seinem Sitz, offensichtlich unbeeindruckt vom Mangel an Platz, der die anderen Passagiere dazu brachte, sich schmal zu machen und die Schultern einzuziehen, um sich nicht gegenseitig die Ellbogen in die Rippen zu rammen. Meredith spürte, dass unter der oberflächlichen Fassade der Entspannung eine brodelnde Energie ruhte, die nur darauf wartete, freigesetzt zu werden. Sie fühlte sich an eine große Katze erinnert, die sich in der Savanne sonnte und doch stets wachsam war und bereit loszuspringen.

»Das ist er immer«, antwortete sie unwirscher, als sie beabsichtigt hatte.

»Es ist Rushhour. Berufsverkehr.«

»Tatsächlich? Ich kenne mich in so großen Städten nicht aus.« Er lächelte erneut auf eine vertrauenerweckende, entwaffnende Weise und entblößte dabei einen goldenen Eckzahn. Irgendwie verstärkte dieses Stück kontinentaler Zahnarbeit die Aura des Harmlosen, die ihn umgab, und Meredith spürte, wie ihre anfänglichen Zweifel schwanden.

»Ich bin ein Landmensch, so heißt es doch?«

»Welches Land?«, fragte Meredith, bevor sie ihre Zunge zügeln konnte.

»Ich komme aus Polen.« Jetzt war der Augenblick gekommen,»Oh, tatsächlich?« zu murmeln und die Unterhaltung abzubrechen, oder sie würde sich für den Rest der Fahrt von ihm anmachen lassen müssen – je nachdem, wie weit er zu gehen bereit war. Sie fragte sich, wo sein Reiseziel lag, und als hätte er ihre Gedanken gelesen, sagte er lächelnd:

»Ich fahre in eine Stadt namens Bamford. Kennen Sie Bamford?« Sie konnte es nicht ableugnen, und mit einem Mal wurde er eifrig und aufmerksam. Er beugte sich vor und fragte:

»Wie ist dieses Bamford denn so? Kennen Sie die Stadt gut? Kennen Sie die Leute dort? Ich war noch nie in Bamford.« Seine Bitte um weitere Informationen hatte etwas Kindliches, Drängendes. Jetzt war es viel zu spät, um sich noch hinter dem Evening Standard zu verstecken. Andere Mitreisende hatten ihre Taschenbücher aufgeschlagen oder erledigten letzte Büroarbeiten, die sie in ihren Aktenkoffern mit nach Hause genommen hatten oder murmelten in Mobiltelefone oder schliefen einfach nur. Meredith war mehr oder weniger mit dem Fremden allein. Sie gab ihr Bestes und lieferte ihm eine grobe Beschreibung des Marktstädtchens Bamford.

»Es ist eine kleine Stadt, ein paar hübsche alte Häuser, aber nichts Außergewöhnliches. Eine ganz alltägliche Stadt, ohne Touristenrummel. Es gibt eine Menge Orte in der Umgebung, die viel pittoresker sind, beispielsweise Bourton-on-the-Water oder Chipping Camden. Das finden Sie alles in den Reiseführern. Bamford hat in dieser Hinsicht nicht viel zu bieten.« Er lauschte ihren Worten, nickte, und als sie geendet hatte, fragte er:

»Sie scheinen sich sehr gut dort auszukennen – wohnen Sie vielleicht dort?« Seine Stimme verriet nur eine beiläufige Neugier, und doch kam es Meredith vor, als wäre der Blick seiner dunklen Augen soeben ein wenig forschender geworden. Heiliger oder Sünder?, fragte sie sich unwillkürlich erneut.

»Ja, zusammen mit meinem Lebensgefährten.« Damit wollte sie ihn wissen lassen, dass ihre Bekanntschaft am Bahnhof von Bamford endete. Doch sobald die Worte ihren Mund verlassen hatten, wurde ihr schlagartig bewusst, dass dies das erste Mal war, dass sie Alan je in der Öffentlichkeit als ihren Partner bezeichnet hatte. Ihre Beziehung hatte sich weiterentwickelt, das war nicht zu übersehen. Sie waren tatsächlich Partner, er aus ganzem Herzen, sie wie stets geplagt von geheimen – oder nicht so geheimen – Zweifeln. Plötzlich schämte sie sich wegen ihres ewigen Zauderns. Sie musste entweder die gleiche Verpflichtung zu ihrer Partnerschaft eingehen oder sie auflösen, und das wollte sie nicht. Sie beschloss, ihr Haus doch zum Verkauf anzubieten. Nicht zur Vermietung, sondern zum Verkauf. Bevor sie nicht diesen notwendigen ersten Schritt unternommen hätte, würde es keinen Fortschritt entlang dem gemeinsamen Weg geben. Sie musste Juliet anrufen und ihr Bescheid geben. Ihr Reisebegleiter musterte sie immer noch nachdenklich, während er den Mund schürzte und mit den Fingern auf das kleine Tischchen unter dem Fenster trommelte. Es überraschte Meredith zu sehen, dass seine Hände, obwohl kräftig und gebräunt, zugleich ziemlich klein und wohlgeformt waren, fast wie die einer Frau.

»Vielleicht besuche ich diese anderen Städte.« Sein Tonfall beendete das gesamte Thema. Er war nicht an touristischen Einzelheiten interessiert.

»Ich möchte wirklich mehr über Bamford erfahren, verstehen Sie …« Ohne Vorwarnung beugte er sich vor und lächelte konspirativ, und Meredith erkannte nicht wenig erschreckt, dass sie im Begriff stand, ein Geheimnis zu erfahren.

»Ich bin nicht als Tourist hergekommen, wissen Sie? Ich bin hergekommen, um meine Familie zu besuchen.« Er lehnte sich wieder zurück, und sein Lächeln wurde breiter. Der Goldzahn blitzte.

»Oh, tatsächlich?«, fragte Meredith zögernd. Sie war unentschieden, ob sie die Unterhaltung fortsetzen sollte, und tat ihr Bestes, das Thema abzuschließen, ohne allzu unhöflich zu werden. Hinterher fragte sie sich oft, ob dies der Fall gewesen war, weil sie gespürt hatte, dass sie im Begriff stand etwas zu erfahren, das sie mit Sorge erfüllen würde.

»Ich habe mich mental abgeschottet«, erklärte sie Alan gegenüber, als sie ihm später von dieser Begegnung berichtete.

»Und das war mein Fehler, weil ich völlig unvorbereitet war auf das, was als Nächstes kam. Ich dachte, er meinte Verwandte, die von polnischen Einwanderern abstammen, doch das war es nicht. Ich wäre fast aus dem Sitz gefallen, als er mich gefragt hat, ob ich die Oakleys kenne.«

»Die Oakleys?« Meredith starrte den Fremden offenen Mundes an. Vorsichtig begann sie:

»Ich kenne keine Familie Oakley, falls Sie das meinen …«

»Nein, keine richtige Familie.« Er schüttelte den Kopf.

»Es sind nur zwei Ladys, ziemlich alt, zwei Schwestern.« Der Zug war in einen der Bahnhöfe entlang der Strecke nach Bamford eingelaufen, und der Waggon hatte sich ein Stück weit geleert. Als sie sich wieder in Bewegung setzten, saß niemand mehr in der Nähe von Meredith und dem Fremden.

»Wir denken bestimmt nicht an die gleichen Leute«, sagte Meredith entschieden. Es schien ihr unmöglich.

»Sie wohnen in einem Haus namens Fourways«, fuhr er fort und sprach den Namen aus, als wären es zwei Wörter. Four Ways. Meredith starrte ihn aus großen Augen an. Sie traute ihren Ohren nicht.

»Sie meinen doch wohl nicht etwa Damaris und Florence Oakley?« Der Goldzahn blitzte.

»Genau diese beiden! Sie sind meine Cousinen. Kennen Sie die beiden? Das ist ja wunderbar!« Er sah Meredith direkt ins Gesicht, und sie bemerkte, wie sich die spontane Freude in seinen Augen in etwas anderes verwandelte, etwas wie Triumph.

»Ich bin Jan Oakley«, sagte er einfach, als müsste dies alles erklären. Er sprach seinen Namen auf polnische Weise aus, mehr wie

»Yan«. Es geschah nicht oft, dass es Meredith die Sprache verschlug, und dies war eine der seltenen Gelegenheiten. Ihr wurde bewusst, dass ihr Mund offen stand, und sie schloss ihn hastig.

»Oh«, sagte sie leise. Mehr brachte sie nicht heraus. Sie hatte ihre Fassung immer noch nicht ganz zurückgewonnen, als der Zug Bamford erreichte. Merediths Begleiter nahm seinen Rucksack auf und marschierte munter neben ihr her über den Bahnsteig. Meredith war gut eins fünfundsiebzig groß, und sie zog ein perverses Vergnügen aus der Beobachtung, dass Jan Oakley ein wenig kleiner war als sie. Doch er besaß die Muskulatur eines Turners und ging mit federnden Schritten. Zu ihrer Verärgerung verhielt er sich gerade so, als wären sie inzwischen alte Freunde. Sie wusste, dass sie ihn loswerden musste, und zwar schnellstens, doch zur gleichen Zeit arbeitete ihr Verstand fieberhaft. Wurde er auf Fourways erwartet? Vorsichtig erkundigte sie sich danach.

»O ja! Ich habe mit meinen beiden Cousinen in Korrespondenz gestanden. Sie wissen, dass ich heute ankomme.«

»Werden Sie … kommt jemand Sie abholen?« Er runzelte die Stirn.

»Nein, aber ich kann mir ein Taxi nehmen, oder nicht? Ist es sehr weit bis nach Fourways House?«

»Es liegt am Stadtrand, in der Nähe einer Straßenkreuzung. Daher der Name«, erklärte Meredith. Sie hatten den Ausgang des Bahnhofs erreicht.

»Es ist nicht sehr weit«, sagte Meredith.

»Das Taxi kostet sicherlich nicht allzu viel.«

»Es war sehr nett, Sie kennen zu lernen«, sagte er sehr höflich und streckte ihr die Hand entgegen. Ohne nachzudenken, ergriff Meredith sie, um sie zu schütteln, doch er packte ihre Finger und führte sie an die Lippen, um sie mit einer formellen Verbeugung zu küssen.

»Ich hoffe doch sehr, dass wir uns wiedersehen?« Nicht, wenn ich es vermeiden kann!, dachte Meredith und wandte sich ab, um zu ihrem Wagen auf dem Bahnhofsparkplatz zu gehen. Wie sich jedoch schon bald herausstellte, war ihre Hoffnung umsonst gewesen. Als sie langsam vom Parkplatz fuhr, sah sie eine einsame Gestalt an einem leeren Taxistand stehen, einen Rucksack zwischen den Füßen. Sie verlangsamte ihre Fahrt. Er erkannte sie und kam zum Wagen.

»Alle Taxis sind besetzt«, sagte er und blickte sie hoffnungsvoll an.

»Ich muss warten, zwanzig Minuten bis eine halbe Stunde, bis wieder ein Wagen frei ist.«

»Ich bringe Sie hin«, sagte Meredith resigniert.

»Packen Sie Ihren Rucksack auf den Rücksitz.« Er gehorchte ohne Zögern, warf den Rucksack nach hinten und nahm auf dem Beifahrersitz neben Meredith Platz.

»Das ist wirklich sehr freundlich von Ihnen«, sagte er, wie es ihr schien, ein wenig selbstzufrieden. Meredith antwortete nicht, sondern konzentrierte sich stattdessen auf den Verkehr und die anderen Pendler, die ungeduldig in ihren Wagen saßen und so schnell wie möglich nach Hause wollten. Nach einer Weile bemerkte Jan:

»Sieht hübsch aus, dieses Bamford. Warum haben Sie gesagt, es wäre nicht interessant?«

»Wahrscheinlich, weil ich hier lebe. Ich meine, sicher, Bamford ist ganz in Ordnung. Bleiben Sie länger hier?« Sie bemühte sich den Tonfall zu unterdrücken, der

»Ich hoffe nicht!« besagte.

»Kommt darauf an«, erwiderte er vage.

»Vielleicht zwei Wochen, vielleicht auch drei.« Er saß tief in seinem Sitz, die Augen auf die Windschutzscheibe gerichtet, die Hände auf den Knien. Ein kleines goldenes Kruzifix an einem Halskettchen war unter dem T-Shirt hervorgekommen.

»Was machen Sie denn so in Polen? Ich meine, was arbeiten Sie?«, erkundigte sich Meredith, um mehr über ihn zu erfahren. Bisher schien er allein das Gespräch gelenkt zu haben. Sie fühlte sich auf dem falschen Fuß erwischt und mochte es nicht. Dieser Handkuss beispielsweise – sie hatte das noch nie gemocht. Doch wenn er eine regelmäßige Arbeit hatte, musste er ja irgendwann nach Polen zurückkehren. Er konnte seinen Aufenthalt nicht ewig ausdehnen. Jan Oakley hob die Hände und breitete sie mit nach vorn zeigenden Handflächen aus. Das Kruzifix war nicht der einzige Schmuck, den er trug. Seine Armbanduhr sah kostspielig aus, und Meredith fragte sich, ob es eine Fälschung war – und wie viel von ihrem Besitzer echt war.

»Ich kümmere mich um Pferde«, sagte er.

»Pferde?« Das hatte Meredith nicht erwartet.

»Ja. Zuchtpferde. Auf einem Gestüt. Wir züchten sehr gute Pferde in Polen. Sie sind ein wichtiger Exportartikel für unser Land.« Das erklärte sein gebräuntes Aussehen und seine Behauptung, ein

»Landmensch« zu sein. Die Pferdezucht war tatsächlich ein großes Geschäft in Polen, erinnerte sich Meredith. Sie hatte in einer Zeitschrift einen Artikel darüber gelesen. Jan sprach gutes Englisch, bis auf den Akzent, und er wirkte ein wenig eingebildet. Trotz seines lässigen Erscheinungsbilds war es durchaus möglich, dass er einen wichtigen Job auf dem Gestüt hatte, wo auch immer das war. Zum zweiten Mal im Verlauf ihrer kurzen Bekanntschaft schien er ihre Gedanken gelesen zu haben.

»Ich bin das, was Sie hier in England einen Veterinär nennen würden.«

»Oh, ein Tierarzt also … sehen Sie, da sind wir schon. Das dort ist Fourways House!« Sie waren schneller angekommen, als Meredith vermutet hatte. Die Sonne stand bereits tief und näherte sich dem Horizont, während sie den Himmel in Rosa und Türkis tauchte. Vor dem Hintergrund dieser Farben sah das Haus malerisch aus, wie ein Stück Bühnenhintergrund zu einer aufwendigen Produktion, beispielsweise Lucia di Lammermoor oder etwas in der Art. Es war auf der Höhe der viktorianischen Gotik errichtet worden, mit hohen, schmalen Spitzbogenfenstern, die aus lauter kleinen Scheiben zusammengesetzt waren. Meredith wusste von früheren Besuchen, dass sie nicht sonderlich viel Licht ins Innere ließen. Unter den Dachgesimsen saßen Gargoyls, als Monster getarnte Wasserspeier, und an einer Ecke ging die Fassade in den merkwürdigen kleinen Zwiebelturm über, der das Dach überragte, als wäre er erst in allerletzter Minute zu der Konstruktion hinzugefügt worden. Jan Oakley beugte sich vor, die Hände auf dem Armaturenbrett über dem Handschuhfach, und starrte durch die Windschutzscheibe auf das Haus. Er war unübersehbar nervös, fast, als stünde er unter elektrischer Spannung. Auf seinem Gesicht war ein exaltierter Ausdruck, als starrte er ein heiliges Relikt an. Meredith saß schweigend da und wartete ab, während sie ihn von der Seite beobachtete. Nach etwa einer Minute wandte er den Kopf zu ihr und sagte leise:

»Sie können sich nicht vorstellen, was das für mich bedeutet. Ich habe von diesem Haus geträumt. Es tatsächlich zu sehen, nicht nur für mich alleine, sondern auch für meinen Vater und meinen Großvater, die es beide niemals zu Gesicht bekommen haben … und für meinen Urgroßvater, der dieses Haus zurückgelassen hat, um in Polen zu leben.«

»Ihr Urgroßvater?« Jetzt fiel alles an seinen Platz.

»Sie sind William Oakleys Urenkel!«, ächzte Meredith.

»Sie sind ein Nachfahre vom Gottlosen William!« Er starrte sie an, und ihr wurde bewusst, dass sie einen schlimmen Fehler gemacht hatte. Feindseligkeit glitzerte in seinen dunklen Augen und noch mehr. Es war, als hätte Meredith ihren Beifahrer persönlich angegriffen. Für einen Moment geriet sie in Panik und fürchtete, er könnte sich auf sie stürzen. Doch dann verschwand die Feindseligkeit. Seine Zunge huschte über die Unterlippe, als hätte dies eine beruhigende Wirkung auf ihn. Und tatsächlich, er schien sich zu entspannen. In den dunklen Augen stand nur noch milder Tadel, sonst nichts.

»Warum nennen Sie ihn so? Den Gottlosen William? War er ein böser Mann?« Selbst diese leise vorgebrachte Frage ließ in Merediths Kopf sämtliche Alarmglocken schrillen. Wie viel sollte sie ihm erzählen? Sollte sie ihm verraten, dass sie gerade gestern angefangen hatte, sich durch Geoffrey Painters Forschungsergebnisse zu arbeiten? Nein. Sie wollte keinen erneuten Anfall von Wut provozieren.

»Er ist unter zweifelhaften Umständen aus England weggegangen«, sagte Meredith. Für den Fall, dass er diesen Ausdruck nicht kannte, fügte sie hinzu:

»Es gab einen unglücklichen Unfall.« Jan schüttelte den Kopf.

»Ich weiß, wovon Sie reden. Er wurde ungerechtfertigterweise angeklagt, seine Frau ermordet zu haben. Doch er hat es nicht getan. Sie war süchtig nach Laudanum und erlitt unter dem Einfluss dieses Rauschgifts einen tragischen Unfall. Er hat es meiner Urgroßmutter erzählt, seiner zweiten Frau, die ganze Geschichte, bevor sie geheiratet haben. Er hat es auch ihrem Sohn erzählt, meinem Großvater, und der hat es meinem Vater erzählt und mein Vater mir. Verstehen Sie, ich weiß alles über diese Geschichte. Als ich noch ein Kind war, hat mein Großvater mir erzählt, dass seine Mutter eine Frau von großer Menschenkenntnis gewesen war. Sie hätte niemals einen Mörder geheiratet. Sie wusste, dass ihr Ehemann ein englischer Gentleman war. Er hätte sie nicht belogen, ganz bestimmt nicht.« Irgendwie fand Meredith die Kraft zu einer Antwort.

»Er stand vor Gericht«, sagte sie mit zitternder Stimme.

»Er wurde von einer Bediensteten beschuldigt, die einen privaten Groll gegen ihn hegte, doch eine Jury – eine britische Jury …« Bildete Meredith sich das nur ein, oder war da Spott in seiner Stimme?

»… eine britische Jury befand ihn für unschuldig. Und das war er.« Seine letzten Worte waren eine Feststellung, etwas vollkommen Logisches, gegen das man nichts mehr sagen konnte. Alan hätte nun etwas antworten können über den Unterschied, ob man unschuldig war oder für unschuldig befunden wurde, doch Meredith fehlten die Worte. Unbewusst hatte sie Geoffrey Painters Worte akzeptiert, dass William Oakley Glück gehabt hatte davonzukommen, und war in der Folge davon ausgegangen, dass er schuldig war. Sie hätte wenigstens die Akten von Geoffrey zu Ende studieren sollen, bevor sie diese Schlussfolgerung zog. Wie dem auch sein mochte, Meredith wusste, dass es unklug war, sich noch weiter über dieses delikate Thema zu verbreiten.

»Nun, dann ist dies ja ein sehr bedeutender Augenblick für Sie«, sagte sie schwach.

»Ich kann das gut verstehen, denke ich.« Vielleicht glaubt er diese Geschichte ja tatsächlich, dachte sie insgeheim. Ich frage mich, was Damaris und Florence von ihm und seinem Besuch halten?

»Nun«, sagte Alan Markby,»das nenne ich eine unerwartete Fügung wie aus dem Buch.«

»Das kannst du laut sagen. Ich kann es immer noch nicht glauben.« Er schenkte ihre Weingläser wieder voll.

»Kein Wunder, dass du behauptet hast, ich würde nie erraten, wem du begegnet bist und wo du warst. Ich hätte es ganz bestimmt nicht erraten, nicht in tausend Jahren. Und er ist echt, meinst du?«

»Das ist es, was mir Kopfzerbrechen bereitet«, gestand Meredith.

»Niemand hat je zuvor etwas von einem polnischen Zweig der Oakley-Familie erzählt. Ich gestehe, dass ich Damaris und Florence nicht besonders gut kenne, doch ich meine, sie hätten immer gesagt, sie wären die Letzten ihrer Linie. Wir haben am Samstagabend bei den Painters noch über sie gesprochen, über ihre Familie, Herrgott noch mal! Geoffrey hat gesagt, die Schwestern wären die letzten Oakleys auf Fourways House, und Juliet, die am gleichen Nachmittag bei Damaris und Florence war, rief nicht dazwischen ›Halt, warte, Geoff, da ist noch ein polnischer Pferdedoktor auf dem Weg hierher, der jeden Augenblick eintreffen müsste!‹ Und doch hat dieser Jan Oakley mir erzählt, dass er mit seinen Cousinen im Briefwechsel gestanden hat. Er geht definitiv davon aus, dass sie ihn erwarten. Ich kann einfach nicht verstehen, wie das möglich ist!«

»Ich kenne die Oakleys mein ganzes Leben, und ich habe ebenfalls noch nie etwas von einem polnischen Familienzweig gehört«, pflichtete Alan ihr bei.

»Aber das muss nicht zwangsläufig heißen, dass die Oakley-Schwestern nichts davon gewusst haben.«

»Und trotzdem zu niemandem je ein Wort darüber verloren haben?« Meredith lehnte sich in ihrem Sessel zurück und schob sich eine Strähne brauner Haare aus der Stirn.

»In all den Jahren?«

»Betrachte es von ihrem Standpunkt aus«, sagte Alan.

»Ihr Vater war der Sohn vom Gottlosen William und seiner toten Frau Cora. Der Name ihres Großvaters wurde wahrscheinlich während ihrer Kindheit niemals erwähnt; er war die Leiche im Familienkeller, ein Schandfleck auf ihrer Ehre. Und was sie später über ihn herausfanden, werden die Schwestern auf die gleiche Weise unter dem Mantel des Schweigens gehalten haben. Es war ein gewaltiger Skandal. Unterschätze nicht die Angst vor Skandalen, Meredith, ganz besonders bei Angehörigen jener Generation.« Meredith dachte über seine Worte nach.

»Vermutlich hast du Recht«, sagte sie schließlich unwillig.

»Dieser Jan Oakley ist ein merkwürdiger Bursche. In der einen Minute erscheint er einem völlig harmlos, und in der nächsten … ich weiß nicht! Er war so aufgeregt, als er das Haus gesehen hat, sein Gesicht fing an zu strahlen, es leuchtete förmlich! Ich fand es beängstigend. Ich musste immer wieder an die Heiligengemälde von früher denken, wo alle verzückt nach oben starren! Und dann dachte ich noch, dass Luzifer ›Lichtbringer‹ bedeutet und dass ich nicht entscheiden konnte, ob ich einen Heiligen oder einen Teufel neben mir im Wagen sitzen hatte.« Sie sah Markby verlegen an.

»Bitte entschuldige, wenn das in deinen Ohren überdreht klingt. Er war einfach so … so anders! Wir stecken neue Bekanntschaften gerne in unsere Schubladen, schätze ich. Aber ich konnte ihn einfach nicht einsortieren!« Alan blickte nachdenklich drein.

»Ich glaube nicht, dass deine Besorgnis völlig unbegründet ist«, sagte er.

»Die Oakley-Schwestern wollen das Haus verkaufen und in eine Wohnung ziehen, um dort ihren Altersruhesitz einzurichten und ihre letzten Tage in Frieden und Komfort zu verbringen. Es ist ein so großes Unterfangen für die beiden, dass sie wahrscheinlich jede Minute des Tages daran denken. All die Planungen, selbst mit Juliets Hilfe, müssen für die beiden alten Ladys ein wahrer Albtraum sein. Ich bezweifle, dass sie ausgerechnet jetzt den Besuch eines lange verschollenen Verwandten mögen, selbst wenn er entgegen deinen Befürchtungen vollkommen harmlos ist. Er ist genau genommen das Letzte, was sie gebrauchen können. Auf der anderen Seite wüsste ich nicht, was wir dagegen tun könnten. Schließlich ist es eine Familienangelegenheit, nicht wahr?«

»Was ist mit Interpol?« Er hob verblüfft die Augenbrauen.

»Was soll mit Interpol sein? Findest du das nicht ein wenig übertrieben? Wir haben keinerlei Grund zu der Annahme, dass er ein Ganove ist. Die polnischen Behörden könnten bestätigen, ob er echt ist oder ein Hochstapler, doch wir haben keinen Grund, sie zu kontaktieren. Wahrscheinlich sind seine Reisedokumente in Ordnung, sonst wäre er in Heathrow erst gar nicht durch die Passkontrolle gekommen.«

»Es gibt eine Sache, die ich tun könnte«, sagte Meredith.

»Ich könnte Juliet Painter anrufen und sie warnen. Sie hat eine Ausrede, um Fourways zu besuchen und die Lage zu peilen. Das mache ich. Noch heute Abend!« Sie zögerte.

»Ich wollte sie sowieso anrufen«, sagte sie schließlich.

»Ich habe meine Meinung geändert. Wegen meines Hauses.« Sie sah das Erschrecken in seinen Augen.

»Du ziehst wieder aus? Zurück in dein Haus?«

»Nein. Ich habe beschlossen, mein Haus zu verkaufen.« Sie wartete.

»Ich möchte nicht, dass du es nur mir zu Gefallen tust«, sagte er leise.

»Das ist nicht der Grund, aus dem ich es mache. Ich mache es, weil ich dir zeigen möchte, dass du mir etwas bedeutest. Dass ich nicht nur halbherzig bei der Suche nach einem neuen Haus für uns mitmache. Dass ich … dass ich möchte, dass unsere Beziehung funktioniert – und dass ich bereit bin, meinen Teil dazu beizutragen.« Später am Abend legte sie den Kopf an seine Schulter.

»Heute habe ich zum ersten Mal zu jemandem gesagt, dass du mein Lebensgefährte bist.«

»Das ist schön.« Er streichelte ihr über die Haare.

»Wem hast du es gesagt?«

»Wie neugierig du doch bist. Ich habe es Jan Oakley erzählt.«

»Aha? Um dich zu verteidigen?« Er lächelte, doch das Lächeln reichte nicht bis zu seinen Augen.

»Vielleicht aus Selbstverteidigung, doch das wird in Zukunft nicht mehr der Fall sein. Ich meine es ernst, Alan«, sagte sie leise. Er nahm ihre Hand und sah ihr in die Augen.

»Ich weiß, welch ein schwerer Schritt das für dich ist.« Sie drückte seine Finger.

»Merkwürdigerweise ist er gar nicht so schwer, wie ich immer gedacht habe. Zaudern hilft niemals weiter, nicht wahr? Man muss Entscheidungen treffen und dazu stehen.«

»Ganz gleich, was dabei herauskommt?«, fragte er leise.

»Zu heiraten ist ein größerer Schritt.« Meredith atmete tief durch.

»Ich mache Fortschritte, Alan, aber ich brauche meine Zeit.« Und dabei beließen sie es, wenigstens für den Augenblick. Damaris Oakley mühte sich langsam die gewundene Treppe hinauf, wobei sie sich mit einer Hand auf das Geländer stützte. Das Eichenholz war von der Berührung zahlloser Hände so glatt wie Seide. Hinter ihr ging ihr Besucher, und sein sperriger Rucksack polterte immer wieder gegen die Streben. Sie konnte seinen Atem hören, und sie war sich des über das Holz scharrenden Rucksacks bewusst und des Rascheins seiner Kleidung, der Wärme seines Körpers und des Geruchs nach männlichem Schweiß. Es war, als würde irgendein wildes Raubtier hinter ihr die Treppe hinaufschleichen. Sie musste gegen ihre Angst ankämpfen, eine alte, uralte Angst, die plötzlich wieder an die Oberfläche gekommen war. Als sie und Florence klein gewesen waren, hatte ein Kindermädchen ihnen Schauergeschichten erzählt über den Beelzebub, der in dunklen Ecken hauste und vorbeikommende Kinder anfiel. Als Ergebnis wollten sie und Florence und sogar Arthur, obwohl er ein Junge war und wusste, dass er tapfer zu sein hatte, stets nur zusammen die Treppe hinauf- oder hinuntergehen. Die Hände fest verschränkt, um sich gegenseitig zu stützen und Mut zu machen, hatten sie furchtsam in jeden schattigen Winkel und jede dunkle Ecke gespäht, bevor sie weitergeschlichen waren. Schließlich hatte ihr Vater herausgefunden, wie verängstigt seine Kinder waren, und hatte eine kunstvolle Zeremonie einschließlich eines Überfalls auf die Kleiderkommode durchgeführt, um den bösen Geist zu verbannen. Und nun war er wieder da. Vielleicht, dachte Damaris, vielleicht war er ja nie wirklich weg gewesen. Vielleicht hatte er sich nicht von Papa narren lassen, in seinem orientalischen Schlafanzug mit dem Turban auf dem Kopf. Er hatte sich einfach eine Zeit lang zurückgezogen, und nun war er wieder da. Nicht länger ein Schatten, sondern Fleisch und Blut. Unser Fleisch, dachte Damaris, und unser Blut. Am anderen Ende ihres langen Lebens musste sie sich erneut mit ihm befassen. Der Beelzebub war zur Realität geworden. Hier war er nun, folgte ihr die Treppe hinauf, genau wie er zwei kleinen verschreckten Mädchen und einem kleinen Jungen vor nahezu achtzig Jahren gefolgt war. Sie erreichten den Korridor. Damaris führte ihn zu einer Tür und öffnete für ihn.

»Ich habe dir das Turmzimmer gegeben. Ich hoffe, es gefällt dir und du fühlst dich wohl. Dort hinten ist gleich das Badezimmer. Das heiße Wasser läuft ein wenig unzuverlässig. Wenn du ein Bad nehmen möchtest, lass es mich wissen, und ich zünde den Boiler für dich an. Ich möchte nicht, dass es jemand versucht, der das Gerät nicht kennt. Es ist ein wenig eigenwillig.«

»Ich denke, ich komme zurecht, liebe Cousine. Wenn du mir nur einmal zeigen würdest, wie es gemacht wird?« Die großen dunklen Augen fixierten sie mit verhohlenem Spott, doch Damaris fühlte sich davon weniger brüskiert als von der Art und Weise, wie er sie anredete.

»Liebe Cousine«, pah! Es war ihr egal, wenn er sich mit dem Boiler in die Luft jagte, und seine

»liebe Cousine« war sie schon lange nicht. Sie konnte sich kaum überwinden zu glauben, dass er überhaupt mit ihr verwandt war. Sie wusste, dass er ihr Zusammenzucken bemerkt hatte und dass es ihn amüsierte. Er würde nicht laut auflachen, dazu war er zu clever. Sie wusste, dass sie in Gegenwart von jemandem war, der extrem clever war, und die Hilflosigkeit, in der sie sich befand, entsetzte sie geradezu. Wie gut war sie ausgerüstet für den Kampf der Gedanken, der vor ihr lag? Ihre eigenen geistigen Kräfte waren zwar gut in Form für ihr Alter, doch sie wusste, dass das Gehirn einer zweiundachtzigjährigen Frau chancenlos war gegen das eines jungen – wie alt war er noch gleich? Neunundzwanzig? Dreißig? Er erschien ihr unglaublich jung. Und doch – irgendetwas war an diesem jungen Mann, irgendetwas, das alt war. Sie wusste nicht genau, was es war, bis ihr ein Sprichwort einfiel: Jung an Jahren, alt an Sünden – es schien alles zu erklären. Bin ich vielleicht unfair?, fragte sie sich, und plötzlich hatte sie Gewissensbisse. Gebe ich diesem Menschen die Schuld für etwas, von dem ich im Grunde genommen nicht das Geringste weiß, etwas, das sich vor mehr als hundert Jahren ereignet hat und wirklich längst in die Tiefen der Geschichte verbannt gehört? Doch wie konnte man etwas in die Tiefen der Geschichte verbannen, wenn es lebensgroß hier vor einem stand und einen aus großen, dunklen, funkelnden Augen angrinste? Sie klammerte sich an Alltäglichkeiten wie an einen Rettungsring und sagte vorsichtig:

»Ein Wort zu den Mahlzeiten. Du nimmst dein Frühstück selbstverständlich mit uns gemeinsam ein, und wenn du hier bist auch das Mittagessen. Doch meine Schwester und ich sind es nicht gewöhnt, abends noch etwas zu essen. Wir brauchen es nicht. Wenn überhaupt, machen wir uns etwas Leichtes, einen Toast oder ein Sandwich, weiter nichts. Deswegen habe ich dich für das Abendessen im Feathers angemeldet. Das ist ein Pub, zwei Minuten zu Fuß von hier, immer die Straße entlang. Sie wissen Bescheid, dass du zu uns gehörst. Geh einfach rein und sag der Wirtin, Mrs. Forbes, wer du bist.« Sie konnten unter keinen Umständen für einen Mann kochen, das hatten Damaris und Florence sehr schnell entschieden, nachdem feststand, dass er kommen würde. Nicht mit dem alten Gasherd in der Küche, der mal funktionierte und mal nicht, und mit der ganzen damit verbundenen Arbeit, ganz zu schweigen von den Einkäufen. Mrs. Forbes war sehr verständnisvoll und hilfsbereit gewesen. Sie war eine Geschäftsfrau, zugegeben, und hatte hart mit Damaris und ihrer Schwester verhandelt. Damaris’ Intuition sagte ihr, dass die finanziellen Aufwendungen für die Verköstigung ihres Cousins auf die Gastgeberinnen fallen würden. Die gleiche Intuition hatte verhindert, dass sie Jan Oakley für die gesamte Dauer seines Aufenthalts bei Vollpension im Feathers einquartiert hatte. Er würde sie Geld kosten, doch Damaris war entschlossen, die Ausgaben so gering wie möglich zu halten. Jan würde das billigste Abendessen vorgesetzt bekommen (in der Regel etwas in der Art von Kartoffelpüree und Würstchen oder Burger und Pommes frites). Die Rechnung würde Damaris von Mrs. Forbes erhalten, wenn Jan wieder abgereist war. Falls er etwas anderes wollte, würde Mrs. Forbes ihm mitteilen, dass das mit Extrakosten verbunden war, die Jan aus der eigenen Tasche und sofort begleichen musste.

»Liebe Cousine Damaris …« Das macht er absichtlich!, dachte Damaris. Das macht er absichtlich, weil er genau weiß, dass ich es nicht mag!

»… du wirst feststellen, dass ich euch nicht die geringste Mühe machen werde. Im Gegenteil, solange ich hier bin, helfe ich gerne im Haus. Was auch getan werden muss – ich werde es mit Freuden tun! Ich bin handwerklich sehr begabt.«

»Wir haben bereits einen Handwerker«, entgegnete Damaris unfreundlich.

»Wir haben Ron Gladstone.« Jan hatte sich zu ihr vorgebeugt, und auf seinem Gesicht stand lediglich der Wunsch, ihr zu gefallen. In ihr regte sich der Impuls, ihn wegzustoßen, und sie vermochte ihn nur mühsam zu unterdrücken. Falls Jan ihre Worte gehört hatte, dann ließ er es sich nicht anmerken. Er ging in das Zimmer und blieb dann wie angewurzelt stehen. Damaris hörte ihn ächzen, wie vom Donner gerührt von dem Anblick, der sich ihm bot. Damaris lächelte in sich hinein, ein trockenes, bitteres Lächeln.

»Das Porträt!« Der junge Mann drehte sich mit leuchtenden Augen zu ihr um

»Ich erkenne ihn! Ich habe eine alte Fotografie. Es ist …«

»William Oakley«, sagte Damaris. Sie blickte auf das Bild auf der anderen Seite des Zimmers. Die Sonne war unterdessen fast völlig untergegangen, und ein letzter Lichtstrahl berührte den goldenen Rahmen. Der Porträtierte sah aus dem Bild auf die beiden Menschen herab, hübsch, unzuverlässig, der dunkle Blick spöttisch, die roten Lippen zu einem schwachen Lächeln verzogen, das keinerlei Wärme zeigte. Eine Hand steckte nach napoleonischer Art unter dem Jackenrevers, die andere lag auf einem Buch.

»Mein Großvater, dein Urgroßvater«, sagte Damaris.

»Mir fiel ein, dass das Bild irgendwo im Haus eingelagert war. Ich habe es gesucht und gefunden und abgestaubt und in dein Zimmer gehängt … Ich hielt es für angebracht«, fügte sie hinzu. Sie ging nach unten in die Küche und ließ ihn allein im Turmzimmer zurück, damit er in Ruhe auspacken konnte. Florence war unten und schnitt dünne Brotscheiben zum Abendessen, das heute aus Sandwichs mit Hefeaufstrich bestehen würde.

»Alles in Ordnung?«, fragte Florence, als ihre Schwester die Küche betrat, und legte das Brotmesser beiseite, das so alt und so benutzt war, dass die Klinge an ein dünnes Rapier erinnerte. Alles in Ordnung ist nicht der richtige Ausdruck, dachte Damaris. Alles war alles andere als in Ordnung. Das sprichwörtliche Pech der Oakleys trieb es mal wieder auf die Spitze.

»Ich habe ihm gesagt, dass er zum Feathers Pub gehen muss, falls er ein warmes Abendessen haben möchte«, berichtete Damaris und nahm das Buttermesser zur Hand, um die Scheiben zu schmieren.

»Vielleicht hat er bald die Nase voll und verschwindet wieder«, sagte Florence optimistisch.

»Er wird sich ganz bestimmt langweilen. Das Essen im Feathers ist sicher schwer verdaulich; sie frittieren alles in Fett. Was das Turmzimmer angeht, es ist kalt und ungemütlich, selbst mitten im Sommer.«

»Hoffen wir, dass du Recht hast«, sagte Damaris grimmig.

»Falls nicht, müssen wir etwas unternehmen.«

KAPITEL 7

DIE GERICHTSVERhandlung gegen William Price Oakley, angeklagt wegen Mordes an seiner Frau Cora im vergangenen Jahr, wurde heute unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit eröffnet. Die Zuschauerreihen waren überfüllt, und schon seit Tagesanbruch hatte sich vor dem Gerichtsgebäude eine wartende Menschenmenge versammelt. Auch die Pressebox war sehr voll, und einige Gentlemen der Presse sind aus London herbeigereist. Sogar ein Reporter der von Baron von Reuter gegründeten internationalen Nachrichtenagentur hatte sich eingefunden, um mit Papier und Bleistift festzuhalten, was anschließend um die ganze Welt geschickt wurde. So groß ist das morbide Interesse, das Mordprozesse überall auf der Welt erwecken.